Heute: Bluthochzeit
Soll das Luzerner Theater, wie es die Stadtregierung vorschlägt, aufgelöst werden? Ja, unbedingt. Aber nicht aus Spargründen.
von Christoph Fellmann
Bald wird es heissen, der Stapi wolle den Kindern das Weihnachtsmärchen wegnehmen, und dann ist die Salle modulable politisch tot. Die Diskussion um die Auflösung des Luzerner Theaters, wie sie die Stadtregierung anfang November vorgeschlagen hat, läuft. Doch läuft sie gar nicht so, wie man es sich vorgestellt hatte.
Zu diskutieren wäre ja, wie ein Jahresbetrieb mit Musiktheater in der Salle modulable finanziert werden kann. Zu diskutieren wäre, ob es sinnvoll ist, Schauspiel und Tanz wie vom Stadtrat vorgeschlagen der freien Szene zu übergeben, und wie das konkret umgesetzt werden könnte. Es gibt ja die groben Kostenschätzungen, wieviel Geld die Salle modulable braucht, dieses neue, flexible Kulturhaus, das man spätestens 2015 eröffnen will. Und es gibt die Ideen und Modelle, wie eine freie Theater- und Tanzszene mit einem öffentlichen Leistungsauftrag angebunden werden kann.
Es wird diese Diskussion auch geben, aber, wie sich abzeichnet, nicht dort, wo sie am besten wahrgenommen wird, nämlich in der «Neuen LZ». Dort schrieb Benno Mattli schon am zweiten Tag nach der Medienkonferenz des Stadtrates: «Der Luzerner Stadtrat will das Schauspiel wegsparen.» Die freie Szene und nachgerade auch der Tanz waren aus der Diskussion bereits verschwunden. Da hat den Stadtrat den Dreck! Hat er doch seine Vorschläge selber als Sparübung kommuniziert: Das Luzerner Theater mit allen drei Sparten – Musiktheater, Schauspiel, Tanz – in die Salle modulable zu zügeln, sei zu teuer. Das rücke «andere Szenarien in den Vordergrund», heisst es im Planungsbericht zur Salle modulable.
So klingt es wie eine Notlösung, dass die freie Szene jetzt für maximal 1,5 Millionen Franken pro Jahr eine «Grundversorgung» mit Schauspiel und Tanz garantieren soll. Der Stadtrat tut hier das Richtige, aber aus den falschen Gründen: Der Vorteil der freien Szene gegenüber einem Stadttheater liegt nicht darin, dass sie wesentlich billiger produziert. Er liegt darin, dass das Publikum ein vielfältigeres, schnelleres und tendenziell innovativeres Theater zu sehen kriegt, als wenn ein einzelner Intendant über fast das ganze Tanz- und Theaterbudget der Region herrscht. Wenn sich die Diskussion jetzt aber auf die Frage zuspitzt: Schauspiel ja oder nein, dann dürfte der Konsens für die Salle modulable, der eben noch sehr breit war, sehr schnell bröckeln. Der Stadtrat hätte sich dann von seinem Hauptziel, nämlich die Salle modulable rasch zu realisieren, in kurzer Zeit sehr weit entfernt.
Gesucht: 7 Millionen Franken.
Fatal ist, dass der Planungsbericht zwei wichtige kulturpolitische Themen auf Gedeih und Verderb miteinander verstrickt. Das ist erstens die Frage, wie Musiktheater, Schauspiel und Tanz in der Zukunft, in der hoffentlich die Salle modulable zur Verfügung steht, in Luzern zu organisieren sind. Und da ist zweitens die Frage eine ganz grundsätzliche Geldfrage: Stadt und Kanton sind offenbar nicht bereit, nochmals in die Kultur zu investieren. Sie wollen für den Betrieb der Salle modulable nicht mehr aufwenden, als sie es heute fürs Luzerner Theater tun, nämlich 20,2 Millionen Franken. Da auch die anonymen Financiers des neuen Musiksaals erklärtermassen nicht bereit sind, sich an den Betriebskosten zu beteiligen, ächzt die ganze Diskussion unter diesem Kostendeckel.
Diese Kostenvorgabe wäre eine normale politische Vorgabe. Nun formuliert der Stadtrat für die Salle modulable aber hehre und hohe Ziele, die den Betrag von 20,2 Millionen Franken schnell einmal unrealistisch aussehen lassen. Das Projekt sei «für die positive Entwicklung des Standortes Luzern an der Peripherie der Metropole Zürich von grosser Bedeutung», schreibt er im Planungsbericht. Eine mit dem Lucerne Festival und der Musikhochschule eng vernetzte Salle modulable schärfe die «Kernkompetenz» des «Kulturstandorts», sprich: die «nationale und internationale Positionierung» von Luzern als «Musikstadt» und «Bildungsstandort». Was auch in diesem Papier steht: Selbst ohne Schauspiel und Tanz kostet ein Ganzjahresbetrieb mit Musiktheater in der Salle modulable 27,1 Millionen Franken. Was nicht drin steht: Wer die ungedeckten 6,9 Millionen bezahlen soll.
Es gibt für Stadt und Kanton nur zwei ehrliche Wege, die Debatte weiterzuführen:
1. Man sagt, dass der Kostendeckel sakrosankt ist. Dann muss man bereit sein, über die Salle modulable zu reden.
2. Oder man sagt, dass man die Salle modulable unbedingt will. Dann muss man bereit sein, übers Geld zu reden.
Natürlich ist aus kultureller Sicht die zweite Variante zu bevorzugen. Erst recht ist sie es, wenn es Luzern ernst ist mit der Standortpromotion und der Bildung eines Musikcampus. Voraussetzung wäre dann vermutlich das Eingeständnis, dass man Geld investieren muss, wenn man das Musiktheater auf das internationale Niveau des Lucerne Festivals anheben will – zum Beispiel beim Sinfonieorchester, das sich zehn zusätzliche Stellen wünscht. Das KKL hat gezeigt, dass es sich nicht nur künstlerisch, sondern auch finanziell lohnt, in der kulturellen Infrastruktur einen Quantensprung zu machen: Die Wertschöpfung beträgt dort laut einer Studie über 50 Millionen Franken im Jahr.
Ohne die Budgetguillotine könnte man in Ruhe darüber reden, ob es sinnvoll ist, in der Salle modulable nur das Musiktheater oder allenfalls auch das Schauspiel und den Tanz zu integrieren. Die «Befreiung» der letzteren beiden Sparten, für die sich das «Kulturmagazin» ja schon früher ausgesprochen hat, ist so oder so eine attraktive Option: Es gälte dann, bestehende Modelle in Schottland und Holland, aber auch in den Kantonen Bern und Aargau genau anzuschauen und in aller Ruhe den Preis- und Qualitätsvergleich zu machen. Eine durchschnittliche Schauspielproduktion kostet in der freien Szene (inklusive Tourneeförderung) rund 200 000 Franken, wie Claudia Galli von Act, dem Berufsverband der Freien, erklärt. Mit den 1,5 Millionen Franken, wie sie der Stadtrat vorschlägt, wären also etwa 7 bis 8 Produktionen zu haben – vielleicht aber auch mehr, wenn z.B. die freie Szene auf die Werkstätten und den Fundus des Luzerner Theaters bzw. der Salle modulable zurückgreifen kann.
Noch ein paar Vergleichszahlen: Laut Direktor Dominique Mentha wendet das Luzerner Theater pro Jahr rund 1,5 bis 2 Millionen Franken für Schauspiel und Tanz auf (allerdings sind die Anteile der Sparten an den fixen Strukturen des Hauses dabei nicht berücksichtigt). Im Kanton Aargau, wo es kein Stadttheater gibt, arbeitet die Theater- und Tanzszene mit insgesamt 2 Millionen Franken im Jahr: Damit werden Spielstätten, freie Gruppen, aber auch Gastspiele finanziert. Und in der Stadt Bern wird derzeit ein Modell diskutiert, das die Grenzen zwischen Stadttheater und freier Szene durchlässiger macht, und das für beide ein Jahresbudget von 7 Millionen Franken vorsieht.
Vision und Gemurks.
Wer die Freien nur als Platzhalter für ein weggespartes Stadttheater sieht, verkennt das Potenzial, das darin liegt, wenn sich Luzern in der Schweiz als wichtigster Produktionsstandort der freien Szene positionierten könnte. Niemand will im Ernst die Schauspielhäuser von Zürich oder Basel auflösen, die seit Jahrzehnten auf höchstem Niveau arbeiten. Daneben könnte aber ein innovativer Theaterwerkplatz, auf dem regionale, nationale und internationale Namen produzieren, attraktiver sein als das etwas betuliche Stadttheater, das Luzern heute zu bieten hat. «Die freie Szene kann unmöglich das Gleiche leisten wie der heutige Theaterbetrieb», wie Ina Brückel, Präsidentin des Theaterclubs, in der «Neuen LZ» sagte? Hält sie die Freien denn für Amateure? Sind nicht auch gefeierte Leute wie Christoph Marthaler, Stefan Kägi oder Ruedi Häusermann Exponenten der freien Szene? Unmöglich, dass sie nicht nur in Sils Maria, sondern auch in Luzern arbeiten?
Aber klar, das muss alles nicht sein. Man kann sich auch für den Status Quo entscheiden, sprich: für die 20,2 Millionen Franken. Und das muss noch nicht einmal bedeuten, auf die Salle modulable zu verzichten. Vielleicht wird sie etwas kleiner und peripherer, als sie in den Träumen der notorischen Standortpromotoren jetzt erscheint, aber bestimmt werden gelegentliche Spitzenleistungen im Musiktheater möglich sein. Wie heute schon. Und natürlich lässt sich auch so noch darüber diskutieren, Schauspiel und Tanz in die freie Szene zu verlagern. Vielleicht wäre es aber ehrlicher, diese Variante nicht eine Vision zu nennen, wie es der städtische Planungsbericht tut, sondern ein finanzpolitisch gewirktes Gemurks. Vielleicht wäre es ehrlicher, das Theater an der Reuss für 15 bis 30 Millionen Franken zu sanieren und alles so zu lassen, wie es ist.
Eine Vermutung zum Schluss: Die Gratisdiskussion, wie sie jetzt um das Luzerner Theater eingesetzt hat, gefährdet die Salle modulable weit mehr, als es ein Bekenntnis zu einer wirklichen, vielleicht nicht ganz billigen Vision je könnte. Die Luzerner Stimmbevölkerung hat mit schönen Mehrheiten dem KKL, dem Südpol, dem neuen Stadion zugestimmt. Wer sagt, dass sie nicht auch einer Salle modulable zustimmt, die etwas mehr kostet als das Luzerner Theater heute?
Das vollständige Dossier zur Salle Modulable gibt`s hier.
Öffentliche Diskussion zum Thema: MI 2. Dezember, 19.30 Uhr, Südpol Luzern
Kategorie: Politik | Tags: kulturmagazin, luzerner theater, salle modulable 11 Kommentare »

Status Quo in der Salle modulable fände ich lustig.
Wann wurde die Salle modulable eigentlich zum Fakt? Man hat uns schon das KKl aufs Auge gedrückt mit leeren Versprechungen: Luzerner Saal für die Vereine! (Können die sich nicht leisten.) Kulturkompromiss! (Der Tod der Boa war schon kurz nach dem Umbau beschlossene Sache, der Chef der grossstadträtlichen Baukommission, die über die Umzonung beschloss, war zugleich der Anwalt der die Nachbarparzellen bebauenden Partei und wurde für den Schlungg mit dem Baudirektorenposten belohnt.)
Jetzt haben wir das potthässliche Monster am See (nach einer verfilzten Farce von Architekturwettbewerb), das die Kunst kleinräumig hinter Gitter steckt und nichts anderes ist als eine überdimensionierte Kulisse zum Vorführen der neusten Pelzmode und Heimat bietet für reiche Ignoranten, die auch die Musik nur von getAbstract kennen und es zufrieden sind, wenn Abbado mit den Berlinern fünfmal in Folge den “Bolero” und den Schlusssatz von Beethovens “Neunter” spielt.
Der Baudirektor baut schier lieber nur noch teure Eigentumswohnungen für millionenschwere Wochenaufenthalter, die, falls sie überhaupt kommen, trotzdem in NW steuern, und der Stadtrat geilt sich schon am nächsten Prestigeobjekt auf, in dem noch mehr teure Colliers an gelifteten Lederdécolletées prangen werden und Mentha seine geliebte “Fledermaus” zum Dauerprogramm machen kann und man innert kürzester Zeit zu “Cats” und “Space Dream 127″ wechseln wird, weil man sich die Bude tatsächlich sonst nicht leisten kann. Ah, dass der Geist Mundels noch in der Asche glimmte …!
So geil ist der Stadtrat in seinem provinziellen Minderwertigkeitswahn, dass er grosszügig darüber hinwegsieht, dass man keine Ahnung hat, woher die Kohle kommt. Nein, Stapi Studer lässt sich sogar mit dem an Naïveté kaum zu überbietenden Einfall zitieren, es genüge, wenn Franz Steinegger um die “Mäzene” und die Herkunft des Geldes wisse und persönlich für die allgemeine Sauberkeit bürgte. Ja sind wir hier denn in Seldwyla?!
Und nie, nicht ein einziges Mal, wurden wir gefragt, ob wir einen neuen Bonzentempel wollen, den die meisten von uns nur am Tag der offenen Tür betreten werden, den wir aber brav über unsere Steuern zu berappen haben.
Wann also wurde die Salle vom fernen Dünkelhirngespinst zum Fait accompli?
Wir brauchen Krippenplätze! Die Gassenarbeit ist bald pleite! Die Klassen werden immer grösser! Es gibt kaum mehr billigen Wohnraum hier im sterilen Mini-Disneyland! Und diese Regierung sieht sich immer noch als “mitte-links”?
Und warum, bitteschön, regt sich niemand auf?
Warum sind wir, die wir mit dem “Kulturkompromiss” aufs Grausigste beschissen wurden, alle so still und brav? Sitzen im Südpol lieb und nett unter den drei Schweinwerferchen, die das Budget für die Foyerbeleuchtung grade eben so knapp noch zulässt?
Hercolani!!
Kleiner Nachtrag zHv. Red.: Der Aktualität zuliebe – wir haben Winterzeit. Schon eine Weile.
Hola Herr Pirelli
Wer regt sich heute noch über diese Schildbürgerstreiche auf. Wie Du richtig bemerkt hast, leben wir in Mini-Disyney-Land zu Seldwyla. Ich betrachte das ganze als eine schlechte Soap-Serie mit dem Running-Gag Kulturkompromist.
Und zum Fakten schaffen reichen 100 Millionen locker…
Gnädigst Der Hüter des lustigen Untergrundes
Natürlich ists eine Posse. Aber dass sich niemand aufregt und die Diskussion nicht einmal hier stattfindet, halte ich für höchst bedenklich. Demokratie funktioniert nicht, wenn alle auf der Klappe hocken. Und wir schweigen schon sehr lang zu viel zu vielen Themen.
Der Steinwälzer
Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, befördern wollte…
Wir können uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Darin besteht die ganz verschwiegene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm.
Der moderne Sisyphos ist nicht mehr der leidende Büezer oder der schuftende Arbeiter. Jedoch scheint er sich zunehmend als Einzigartiger unterwegs wahrzunehmen. Es sind jedoch weitere Steinwälzer unterwegs. Ihr gemeinsames Schicksal ermöglicht Solidarität und führt weg vom Monolog zum Dialog.
Schlussendlich brauchen wir bei dieser Arbeit nicht nur Experten, schon gar keine sesselklebenden Kulturbürokraten mit paternalistischen Geldtöpfen, sondern viele Novizen. Im Anfängergeist liegen viele Möglichkeiten ….
http://www.bitxidenda.ch/?p=613#comment-1701
Von der «Salle Modulabe» zur «Salle incompatible»
«Vision» nennt der Stadtrat seinen Planungsbericht zur «Salle Modulable». Was soll daran visionär sein? Eher offenbart sich die totale Hilflosigkeit, wie mit dem 100-Millionen-Geschenk umzugehen ist. Seit zweieinhalb Jahren weiss die Öffentlichkeit vom unerwarteten Geldsegen. Dass dieses Geschenk die Kultur- (und Subventions-)Politik gehörig fordern und durcheinanderbringen wird, war von Anfang an klar. Nun ist es soweit: Das viele Geld hat diktiert (schliesslich schaut man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul), es geht «nur» noch darum, wie der Betrieb der «Salle Modulable» finanziert werden kann. Eine finanzpolitische Debatte, keine kulturpolitische. Verheerend und nicht eben nachvollziehbar.
Wieso hat die Stadt nicht sofort ein neues Kulturleitbild (oder besser: ein Kulturmarketingstandortkonzept) in Auftrag gegeben? Wenn dabei herausgekommen wäre, dass sich Luzern regional, national und international tatsächlich als Top-Musikstadt (und ausschliesslich als solche) positionieren will, dann wären auch zwingend die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen. Dann wäre dies ein Wille, ein Bekenntnis, und getragen von allen Akteuren. Alles andere ist eine Farce. S’Füfi onds Weggli, das gibt es nicht.
Jetzt winden sich die politisch Verantwortlichen in einem ellenlangen Planungsbericht. Was hängenbleibt: das Luzerner Theater darf das Bauernopfer geben, und die freie Szene soll die Lücke irgendwie und mit etwas mehr Geld füllen. Wie bitte? Wie fundiert ist das? Wer will das?
Der Stadtrat hat dem Projekt einen Bärendienst erwiesen. Schliesslich muss die «Salle Modulable» eine Volksabstimmung bestehen. Kaum anzunehmen, dass heute unter den gegebenen Umständen eine Mehrheit Ja sagen würde. Bedauerlich, dass die «Salle Modulable» offenbar eine Schuhnummer zu gross ist. Denn das Projekt an und für sich ist spannend, wenn auch elitär, und verdient es, dass alle genauer hinschauen. Aber schlechterdings gehts im Moment nur darum, wie vorhandene Subventionsgelder umzuverteilen sind. Das als «Vision» zu bezeichnen, ist ordentlich unverfroren.
Für die „Befreiung“ der Sparten Tanz und Sprechtheater hat sich nur Christoph Fellmann „bereits früher ausgesprochen“, nicht die ganze Redaktion oder gar die Akteure. Erneut kommt sein Ressentiment gegenüber dem angeblich eindimensionalen, „betulichen“, in Routine erstarrten „Stadttheater“ voll zum Zug. Einmal mehr glänzt sein Glaube an die Innovationskraft der freien Szene. Dabei übersieht er, dass ein Ruedi Häusermann erst im Neumarkt und im Schauspielhaus, ein Marthaler erst am Theater Basel, an der Volksbühne Berlin und ebenfalls am Zürcher Staatstempel zum Durchbruch gekommen sind. Einen eingespielten „Brand“ wie das Luzerner Theater sterben zu lassen, ist kommerziell gesehen einfach dumm. Eine noch grössere Bieridee ist es, das Gebäude abzureissen und Spekulationszwecken zu opfern. Würde man das Brecht-Theater am Schiffbauerdamm abreissen, weil es dem Sitzkomfort nicht mehr genügen sollte, ein Haus, das dem luzernischen total ähnlich ist? Haben wir nicht erlebt, wie der Schiffbau an den Pfauen zurückkrebsen musste? Soll die Zentralschweiz dem Selbsthilfe-Modell des Aargaus hinterherhöselen, das eben keine urbane Forumsbühne kennt wie Luzern? Wir brauchen die Professionalität und Nachhaltigkeit dieser Bühne. Zug wird den Geldhahn zudrehen, wenn Sparaktionen das vereinbarte Grundangebot die Reuss hinunterspülen wollen! Ziemlich zynisch, die Diskussion um Sein oder Nichtsein als „Gratisdiskussion“ zu verunglimpfen, die den grossartigen Visionen im Wege stehe. In Zug, wo es gerade mal öde Gastspielbühnen gibt, können wir nur träumen von solchen Debatten um feste Ensembles. Wie sagte doch Gisela Widmer? „Ohne Sprechtheater wird diese Salle modulable zu einer Salle blamable!“
Adrian Hürlimann, Zug (ISSV)
Ja, wenn man “Durchbruch” definiert als Einladung, an einem Stadttheater arbeiten zu können, kommt es erst zum “Durchbruch”, wenn man da auftritt. Dass ich das “übersehen” konnte, wo es doch so logisch ist!
Dieses Geschenk ist vergiftet
Obwohl die Stadt 100 Millionen als Geschenk erhalten soll, ist dieses Geschenk abzulehnen. Die Geldgeber, die jetzt bekannte Familie Engelhorn, haben den Betrag einer Stiftung abgetreten mit der Zweckbindung für einen salle modulable. Unter wikipedia, Stichwort Engelhorn, kann nachgelesen werden, woher das Geld stammt. „Durch die Zwischenschaltung der Corange Ltd. gelang es somit Curt Engelhorn und den anderen Gesellschaftern, den Verkaufserlös zu vereinnahmen, ohne dass Steuern für den deutschen Fiskus anfielen.“ Das Geschenk hat nicht nur diesen fahlen Beigeschmack, sondern auch mehr Nachteile als Vorteile. Durch die Zweckbindung besteht zudem kein Handlungsspielraum beim Einsatz des Geldes.
Folgende sechs Gründe sprechen gegen dieses vergiftete Geschenk:
1. Das Geschenk kostet die öffentliche Hand mindestens 50 Millionen Investitionskosten.
2. Das Geschenk kostet jährlich zusätzliche 7-11 Millionen Betriebskosten.
3. Das Geschenk konkurriert vor allem das KKL. Dies bedeutet weitere Defizite für das KKL und die Stadt Luzern.
4. Das Geschenk ist ein Abbau beim Luzerner Theater.
5. Das Geschenk verknappt mehrfach die Mittel für alle anderen Kulturinstitutionen.
6. Das Geschenk hat Folgeprobleme. Der favorisierte Standort Bootshafen / Inseli beeinträchtigt den Uferbereich und/oder ein neuer Bootshafen verursacht neue Probleme.
Die sechs Gründe gegen dieses Geschenk sind wie folgt begründet:
1. Das Geschenk kostet die öffentliche Hand mindestens 50 Millionen Investitionskosten.
Das Investitionsvolumen beträgt über 150 Millionen (vgl. B 45/2009 Auf dem Weg zur Salle Modulable: Standortbestimmung und Vision, S.23.) Damit fehlen 50 Millionen, die durch die öffentliche Hand bezahlt werden müssen.
2. Das Geschenk kostet jährlich zusätzliche 7-11 Millionen Betriebskosten.
Selbst mit der Aufgabe des Sprechtheaters ergibt sich weiter eine jährliche Finanzierungslücke bei den Betriebskosten in der Höhe von mindestens 7 bis 11 Millionen Franken. (vgl. salle modulable 01.12.2009, 15:36 zisch)
3. Das Geschenk konkurriert vor allem das KKL. Dies bedeutet weitere Defizite für das KKL und die Stadt Luzern.
„Aus der Sicht des Stadtrates darf es auf keinen Fall dazu kommen, dass KKL Luzern und Salle Modulable zu Konkurrenzunternehmen werden.“ (vgl. B 45, S.14) Aber genau dies wird eintreffen. Die neuen und teuren Events werden nicht nur neue Besucher anlocken, sondern auch eine Verlagerung der Besucher und Gäste vom KKL hin zum salle modulable erwirken. Das KKL hatte 2008 einen Jahresumsatz von 27,6 Millionen. Die Stadt zahlt jetzt schon über 4 Millionen an das KKL. Wechseln nur 10% der Besucher/ Events, etc., so fehlen nochmals gegen 3 Millionen. Das KKL hat in den nächsten 10 Jahren zudem einen Sanierungsbedarf von 13,5 Millionen (vgl. B 45, S. 14f).
4. Das Geschenk ist ein Abbau beim Luzerner Theater.
Das Luzerner Theater verliert den Tanz und vermutlich auch das Sprechtheater. (Vgl. den nächsten Punkt und die Punkte 8-10 des B 45.)
5. Das Geschenk verknappt mehrfach die Mittel für alle anderen Kulturinstitutionen. Der Eckpfeiler des Stadtrates sind: „Keine weiteren öffentlichen Subventionen; heutige Leistungen an Theater und Orchester als Limite.“ und „Betriebsfinanzierung mit heutigen Beiträgen der öffentlichen Hand.“ Das heisst, wenn für den salle modulable mehr Betriebskosten anfallen, wird es für alle übrigen weniger geben. (vgl. Punkt 3 und Punkt 15, S.40 B 45). Dadurch wird der Druck auf alle übrigen Kulturinstitutionen unweigerlich steigen.
6. Das Geschenk hat Folgeprobleme.
Der Standort Bootshafen / Inseli ist problematisch. Sowohl bezüglich dem ökologischen Eingriff, Seeanstoss, als auch weiteren Kosten für einen Ersatzbootshafen. Dieser Ersatzbootshafen wäre nochmals ein Politikum mit Pferdefüssen.