i know you got another jockey at home, let me be your rider till your real man comes. whip me baby, lie like a dog. i have no use for the truth!
ausgewählte musikerinnen und musiker aus der näheren und ferneren gegend gedenken eines der bedeutendsten (lebenden) us-singer-/songwriters, indem sie sich kundig, hingebungsvoll und live in seinem weitläufigen und ergiebigen werkkatalog bedienen. dies versprach zumindest die vorankündigung – wie es in der zwischenbühne gestern wirklich war (und heute nochmals sein wird), liest du hier.
Von Pablo Haller
ort: zwischenbühne, horw.
zeit: 21 uhr.
wetter: foggy nation.
stimmung: konnte in gewissen momenten durchaus eruiert werden.
leute: rain dogs, passing thru’s, texas rangers, viel ü40er.
mode: every night it`s just the same – rustikal bis independent.
flirtfaktor: c`mon and lay to me, baby.
zustand des kritikers: jockey full of bourbon.
a) alkohol, der. wird auch getrunken. faire preise, freundliches barteam, köstliches lokalgebräu.
b) bonjour madame. stell dir vor, du befindest dich im berlin der 20er-jahre. auf der bühne vor dir steht eine anziehende frau, mit feuriger ausstrahlung, verruchter stimme und einer unglaublich starken mimik/gestik. gekleidet in schwarz, blondes haar, hosenträger. aufgeladene atmosphäre. sie haucht ins mikrofon, dass wir alle als dreck im grab enden werden und dass sie tanzen will, bis es wehtut. die spannung wird unerträglich. eine nebulöse ahnung, dass sie sich einzig in wilder raserei entladen können wird. ein elektrisierender balanceakt zwischen erotik und abgrund. tom waits auf deutsch funktionert, wird hier bewiesen. es benötigt bloss die richtigen interpreten. innovativ. gut übersetzt. wow! («ich werd euch alles sagen, nur von früher lüge ich, und schickt mich nun zu bett für alle zeit»)
c) coffee & cigarettes, movie. die in cannes prämierte szene mit tom waits und iggy pop flimmert über die bildschirme. nice to see, doch leider hört und sieht man nicht viel davon, da die bildschirme klein sind, meine augen verschwommen und das publikum laut. als pausenbecher funktioniert’s jedoch vögtisch.
d) das, zentralorchester der vereinigten betriebsfeuerwehrmusikanten. abartig, dreckig, blechig. als sänger ein in weiss gekleideter methodistenprediger. mindestens. tom traubert’s blues. ein würdiger (beinahe-)abschluss. und jetzt alle: «waltzing matilda, waltzing matilda, you’ll go a waltzing matilda with me…» – irgendein betrunkner hinter meinem rücken, der schon die ganze zeit mit geistreichen bemerkungen auf sich aufmerksam gemacht hat: «du, wo esch eigentlech mini mathilda zom walze?»
e) eitelkeit, coal. stellt gern sich selber in szene, verrenkt körper und gesichtsmuskeln zu emotionalen posen. wenns nicht so gesucht und gespielt rüber-, und dazu musikalisch etwas währschaftes rauskäme, wär’s ganz ok.
f) fazit, das. und ich sah, dass es gut war. ich ziehe meinen hut vor den veranstaltern, die – mit einigen frappanten ausnahmen – ein sozusagen platinernes händchen für die zusammenstellung der bands hatten –moderation und splätterli sowieso!!! – und dem publikum einen abwechslungsreichen, reizerfüllten abend voller überraschungen bescherten.
g) gott. veraltetes, heute beinahe ungebräuchliches synonym mit zeremoniellem charakter und weihrauchgeruch für einen helden unserer zeit, thomas alan waits.
h) henry my son. entjungfert den abend musikalisch. andächtig bis belanglos. eigentlich zu zweit, muss der sänger aufgrund einer erkrankung des pianisten alleine auskommen und die songs am nachmittag vor dem auftritt auf der gitarre einstudieren.
i) internet, das. wird heute abend nicht benötigt.
j) jockey full of bourbon. auf dem album «rain dogs» vertreten und einer der meistgecoverten tom-waits-songs, heute abend deliziös umgesetzt von taxi, 7$ the.
k) krailing, tom. spielt und singt schön und ohne fehler, was bestimmt erquickend ist an einem pink-floyd-anlass. waits jedoch braucht – meiner meinung nach und bitte widersprecht mir, wenn ich einer illusion unterliege oder bloss zu puritanisch bin – entweder skurrilität oder dreck. am besten beides.
l) lads, moped. zuallererst ein eingeständnis meiner schande: ich hab diese band zuvor noch niemals live gesehen. zu viele worte über sie zu verlieren, bedeutete ihnen nicht gerecht zu werden. eins jedoch: sie kommen, trinken, rocken und konsternieren jene spiesser, welche tom waits notdürftig dank des eagels-covers von «ol’ 55» kennen und small change für sein bestes album halten. köstlich. hey, ho, let’s go!
m) marygold. spielen als zweite band. bescheren uns mit «16 shells from a thirty-ought six» einen ersten stimmungsmacher.
n) nite, tom waits. anlass, in der zwischenbühne horw, der am wochenende vom 16./17. januar 2009 an zwei aufeinander folgenden abenden mit identischem programm stattfindet. falls du am freitag nicht dabei gewesen bist, dann geh heute. anderfalls wirst du es dein ganzes leben bereuen.
o) oper, die. hat tommy auch geschrieben, zusammen mit dem cut-up-schriftsteller william seward burroughs – alphabeten aller länder, lest mehr burroughs! sie hört auf den namen «the black rider». der titelsong wurde von der pixies-nachfolgerband frank black & the catholics auf ihrem album «black letter day» gecovert.
p) prominenz, die. stefan klapproth sitzt im publikum. ansonsten der herkömmliche luzerner cervelat-filz aus künstlern, politikern, lehrern und journalisten. und selbstverständlich: from los angeles, california. the one and only: tom waits.
q) –
r) redoxreaktion, die. ist ein wort. wird vor allem in einem chemischen zusammenhang verwendet.
s) splätterlitheater, das. manifestiert sich als tom waits höchstpersönlich. bringt humorvoll-derb-abgründige storys, die auch vom meister himself stammen könnten. singt am ende des abends mit delikat brüchiger stimme eine halbplaybackversion von «dirt in the ground».
t) taxi, 7$ the. die letzte band vor der pause. tizzy begrüsst das publikum mit einem breiten texanischen akzent. darauf folgen die ersten klänge von «jockey full of bourbon», das von einem bloss mit gitarre begleiteten song in eine wilde orgie ausartet. christoph pfeifft. tizzy schreit. simon drescht drauf auf die felle und césar schwebt wie gewohnt, traumwandlerisch in fremden sphären. es ist zirkus, schlotterig und verrückt. tom waits, wie ein guter whiskey, pur, in reinform. ein erster, fulminanter höhepunkt!
u) uah, umgekehrt hau, der. prämierter musikjournalist. moderiert den anlass, versiert, ohne wünsche oder fragen offen zu lassen, dafür mit vielen attraktiven hintergrundinformationen. (u.a. wie viele songs hat der herr waits denn bis zum heutigen tag geschrieben, wie viele covers existieren von diesem und jenen song und von wem aber auch über die aufspielenden kapellen). einzig eine aussage zum wunderschönen coveralbum der bezaubernden scarlett johansson irritiert, ja verwirrt mich gar.
v) videoinstellation, die. von phil küng und phil peter. gespräch aus dem publikum:
«aso ech verschtoh ned, weroms do so vell beldscherme het ond das beld emmer wächsled.»
«das esch dänk konscht, aber vo dem verschtosch du nüt.»
«aha.»
«holsch mer no es bier?»
«jo, esch guet.»
w) wiss, albisser, bucher &. berührend. stimmlich sackstark. ihre version von «clap hands» hat etwas hypnotisch-bedrohliches. georgia lee ist unglaublich erschütternd. bei dem niveau und dieser gefühlstiefe stört auch die annähernde perfektion nicht.
x) xxx. wird als abkürzung für «kiss kiss kiss» im englischen oder zur kennzeichnung von sexuellen und pornografischen inhalten (x-rating) genutzt. «x» (kuss) oder «xx» (küsse) sowie ähnliche buchstabenfolgen werden entsprechend auch als informeller gruss unter nahestehenden personen beispielsweise in kurznachrichten verwendet.
y) YMCA. hitsingle der village people aus den späten 70-er jahren. wird erwartungsgemäss nicht gespielt.
z) zeit, die. dehnbarer, diffuser begriff. das konzert beginnt um 21 uhr. nach einer halben stunde schaue ich erneut auf die uhr. es ist 21.10.
Kategorie: !!!!, Bühne, Musik | Tags: hau, nite, tom waits, zwischenbühne 14 Kommentare »

sehr geehrter herr haller,
wenn sie schon die vorzüglichen übersetzungen loben (was uns sehr erfreut), dann doch bitte berechtigterweise und nicht mit seltsamen konstrukten!
lassen sie mich diktieren?
‘ich werd euch alles sagen nur von früher lüge ich, und schickt mich nun zu bett für alle zeit’ – geht besser auf, nicht?
handkuss! bis bald
madame
da konnte der herr haller wahrscheinlich mal wieder die notizen nicht mehr entziffern… ist auf jeden fall korrigiert jetzt. danke für den hinweis.
der administrator
na das geht ja fix! bis nöchhär
z) zeit, die; si non è vero, è ben trovato:
http://samuelszeit.twoday.net/stories/4322334/
notizen??? da herr haller sich direkt an der front befand, war es ihm nicht vergönnt irgendwelche schriftlichen aufzeichnungen zu tätigen & so musste er sich die sich überstürzenden ereignisse des abends spätnachtens aus seinen mit legalen betäubungsmitteln durchtränkten hirnzellen kitzeln …
so bittet er die madame gnade walten zu lassen mit seinen dürftigen nach(t)konstrukten der wunderbaren übersetzungen.
@ f. kerr: es ist für einen kritiker natürlich immer erfreuend, wenn es leute gibt, die seine anspielungen verstehen…
wort fällt. bild fällt. durchbruch in den grauen raum.
es grüsst mit <3 aus dem bunker!
el pablito
Ein fürwahr grossartiger Abend – ich ging gleich ein zweites Mal hin.
Die Kritik zu Herrn Krailing vermag ich aber nicht zu teilen: diese Stimme …!
Einziger Wermutstropfen: die Dramaturgie – die Pausen waren viel zu lang. Und da vor allem am zweiten Abend das Publikum mehrheitlich aus der lokalen SP- und SozialarbeiterInnen-Vertretung zu bestehen schien, Menschen also, denen der Mund wesentlich näher liegt als die Ohren, war der Geräuschpegel während der Pausen sofort sehr hoch und flaute viel zu langsam ab, wenn wieder eine Band auf der Bühne stand.
Na, man ist das ja gewohnt.
Nachtrag zu Coal: Auch hier teile ich die Kritik nicht. Welches Bühnentier ist nicht eitel? Und musikalisch waren die beiden Songs m.E. über jedes Gezünde erhaben: Wunderbar für mich Teilzeitkauboi, wie die Band den Waits mit Honkytonk vermählte.
Nachtrag zu Splätterli: Die Texte stammten tatsächlich von Herrn Waits.
Und noch ein Nachtrag.
SMS meines Freundes Tom (nicht Waits), der derart ob des Publikums verzweifelte, dass er den Saal noch vor Schluss verliess:
“Ich sehe zwar auch so aus, aber so will ich nicht sein! See you.”
war auch zwei mal dort und muss gestehn, dass ich dem herrn krailing gewisses unrecht angetan hab. fand sein auftritt, sowie die songauswahl nach dem zweiten mal anhören um einiges besser. “had me a girl” läuft mir noch immer nach, wie eine läufige hündin.
bei coal jedoch, muss ich dabei bleiben. hab ihn kennengelernt am samstag, ist n guter kerl, doch sein auftritt war mir zu idealer-schwiegersohn-mässig, die posen zu posig. ich nahms ihm irgendwie einfach nicht ab.
wo kriegt man diese gesammelten waits prosatexte die das splätterli zum besten gab? denn als songlyrics hab ich die irgendwie nicht in erinnerung. weisst du, was das war & aus welchem werk?
zum publikum beachte mann und frau die fabelhafte kritik von pirmin bossart im bornhauserblatt “zentralschweiz am sonntag”…
Wenn ich Patric richtig verstanden habe, waren die Texte von YouTube-Interviews und -Auftritten mit dem Herrn Waits, die Übersetzungen sind von Patric. Hat er schon ganz grossartig gemacht, Respekt.
Coal: Geschmackssache halt. Trägst du manchmal Boots und Hut? Vielleicht brauchts das.
Sein Gitarrist übrigens, der unvergleichliche Charlie Z., spielt am 13. Februar in der Schüür mit seiner AC/DC-Coverband.
Sag mal, gibts Pirmins Artikel irgendwo online? “Zentral-CH am Sonntag” kreuzt meinen Weg eigentlich nie.
das hat er allerdings grossartig gemacht, der patric!
ach, der herr charlie z. spielt bei graf von spiegelberg? hab ich mir schon oft vorgenommen, die jungs mal schauen zu gehn.
pirmins artikel hab ich auf die schnelle leider nicht online gefunden. falls ich ihn noch irgendwo auftreiben kann, mail ich ihn dir…
dürfte ich mich dem bossartrezension-mailversand anschliessen, falls du fündig wirst? die tät mich ebenfalls interessieren. would be lovely!
of course, meester, of course!
Voila, die heiss begehrte Rezension aus der offensichtlich weniger heiss begehrten Zentralschweiz am Sonntag.
Ein Wort noch zu den Umbaupausen, die bemängelt wurden: Lässt sich leider nicht verhindern, bei 9 Bands/Interpreten. Wir sind nicht das Hallenstadion.
Die Veranstalter
Horw
Luzerner Bands würdigen Reibeisen-Tom
Tom Waits in Horw: Lokale Bands führten 20 Songs des amerikanischen Kultmusikers vor. Stark war der Auftritt des Puppenspielers.
Wie wird man einem grossen Musiker mit einer unverkennbaren Stimme gerecht, dessen Aura man ohnehin nicht erreichen kann? Man tut es trotzdem und besinnt sich auf die eigenen Stärken. Nur nichts künsteln, und ein bisschen Selbstironie kann nicht schaden. Das haben sich die meisten Bands an der Tom Waits Nite in Horw zu Herzen genommen.
Musik und Video
Unter kundiger Moderation von Musikjournalist Urs Hangartner ging am Freitag und gestern Samstag ein identisches Tom-Waits-Programm mit rund einem Dutzend Bands und Produktionen über die Bühne. Beide Abende waren sehr gut besucht. Die Videoinstallation (Phil Küng und Phil Peter) mit Film- und Liveausschnitten des echten Tom Waits war an diesem Abend der Interpretationen eine Wohltat.
Doch die Bands liessen sich nicht lumpen. Allen voran 7 Dollar Taxi, die vor der Pause mit ihren zwei Interpretationen auf den Putz hauten und etwas Lärm in die Bude brachten. Da agierte spürbar eine «Working»-Band mit einer fantastischen Präsenz. Das Ungehobelte vom Tom Waits vermittelten ansatzweise auch Marygold, während die Möped Läds den widerborstigen Poeten gewohnt lautstark und in Vollmontur in die Punkkurve fuhren.
Wehmut und Schmelz
Auf der melodisch-wehmütigen Seite des Gefühlsspektrums überzeugte ein Frauentrio mit Esther Bucher, Isa Wiss und Kathrin Albisser. Das traf einen Nerv, wie ihn auch der unverwüstliche Folkie Tom Krailing antippte. Bonjour Madame Feldmusik liessen Waits im chansonesque angejazzten Cabaretstil und in pointierter Deutschübersetzung auferstehen, während das Centralorchester der Freunde der vereinigten Betriebsfeuerwehrmusikanten mit Sänger Marcel Ming und «Waltzing Matilda» den Schmelz mit Bravour meisterte.
Tom als Maske
Stark war der Auftritt von Patric Gehrig, bekannt vom blutrünstigen Splätterlitheater, der als Puppenspieler Tom Waits himself gab und mit dem trockenen Gout seiner Storys und einer Version von «Dirt in the Ground» die Handschrift des Meisters bemerkenswert mimte. «Du, ist Tom Waits eigentlich gestorben, oder lebt er noch», fragte im Verlauf des Abends doch tatsächlich jemand seinen Nachbarn am Tischchen. Muss fast ein Lehrer gewesen sein, die im Publikum gut vertreten waren.
PIRMIN BOSSART
[...] zusammengestelltes Päckli aus Musik, Talk, Show und Kulisse. Nach dem die letzten Ausgaben Tom Waits (2009) und Elvis Presley (2010) gewidmet waren kam heuer Michael Jackson an die Reihe. Bands wie [...]