Salle Modulable konkret – DIE Podiumsdiskussion im Südpol

Ein Gespenst geht um in Luzern: Das Gespenst «Salle Modulable». Seit der Publikation des Planungsberichtes und der an Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» angelehnten gelben-Schuh-Demo in aller Munde und doch unfassbar diffus. Die IG Kultur wollte abstraktes konkret machen und lud zur Podiumsdiskussion im Südpol. Fazit: Viel Geld ist vorhanden, jedoch wenig Visionäres. Die Elite greift bloss Ideen auf, die in der alternativen Szene bereits seit den 60-ern kursieren.

Von Pablo Haller

Was wäre, wenn ein Raum die infrastrukturellen und akustischen Grenzen bestehender Musiksäle überwinden könnte?

Eigentlich wäre sie ja eine ganz gute Idee, diese Salle Modulable. Aber braucht eine Stadt, die mit dem KKL bereits die beste Akustik in einem Konzertsaal auf der ganzen Welt bewerkstelligen kann, tatsächlich noch einen weiteren Hochkulturtempel, während der Nährboden – die freie Szene, die Alternativkultur – links liegen gelassen wird? Darum ging es beim gestrigen Podium höchstens am Rande. Thema war viel mehr, was denn diese ominöse Salle Modulable nun genau sein soll.

Den Meisten löschte es schon während der Vorstellungsrunde ab. (Also zuerst gab es ja noch diese PowerPoint-Präsentation von Jost Huwyler, aber das war etwas gar trocken für meinen Geschmack und um diese Zeit. Facts & Figures, Einnahmen & Defizite, monoton runtergeleiert.) Zurück zur Vorstellungsrunde. Der Intendat des Lucerne Festivals und eifrige Krieger für die Salle Moudulable, Michael Haefliger, ergriff schnellstmöglichst das Mikro. Er sagte wenig in vielen Worten, dreschte gefühlte Stunden die selben drei Phrasen und benahm sich dabei wie ein Junge, dessen Leben eine Anreihung von Weihnachten und Geburtstagen ist, der stets «ich will, ich will, ich will» wiederholt, während es sein Elternhaus versäumt hat, ihm die Worte «Bitte» und «Danke» beizubringen. «Mein Wille geschehe, wie am Lucerne Festival, so in der Stadtplanung». Man wird das beklemmende Gefühl nicht los, dass da jemand vor allem für sich selbst ein Monument erbauen will. Dass sich eine Stadt mit einem privaten Projekt von anonymen Geldgebern ernsthaft auseinandersetzt, gibt dem Ganzen eine weitere dissonante Note…

Wer an diesem Punkt jedoch nicht abschaltete oder gar den Saal verliess, erwartete doch noch eine packende Debatte darüber, wie sich die verschiedenen Podiumsteilnehmer eine Salle Modulable phantasieren. Da war zum Beispiel der Komponist und Musikhochschullehrer Urban Mäder, einer der wenigen von denen, die dort oben sassen, der wirkliche Visionen hatte, gar eine Salle Mobile vorschlug, multifunktionale Bauelemente, die hier und dort zum Einsatz kommen könnten. Als Beispiel, dass dies funktioniert, nannte er die Herrichtung einer Viscose-Halle für das Lucerne Festival, während der KKL-Bauzeit.

Der Geschichtsdozent Valentin Groebner erklärte aus historischer Sicht, dass es schwierig sei, Erfolgsgeschichten zu kopieren. Man müsse schauen, dass Luzern nicht zu einem Disneyland werden würde. Er erhielt frenetischen Applaus von der Menge und einen «Buh»-Ruf von Rosie Bitterli. Alex Willener, Sozialarbeitsdozent, griff erstmals das Thema der alternativen Kultur auf und forderte, es dürfe nicht nur eine Mono-Hochkultur geben. Eine spannende kleine Ausschweifung war auch das Streitgespräch zwischen dem Kulturjournalisten Christoph Fellmann und Dominique Mentha, dem Intendanten des Luzerner Theaters, zum Thema weshalb ein gigantischer Teil der Theatersubventionen einem einzigen Entscheidungsträger zufällt. Die Heftigkeit von Menthas Antwort, sprach Bände. Da war jemand an einer wunden Stelle getroffen worden …

Das Publikum erschien unerwartet zahlreich und durchmischt wie selten in diesen Räumen. Vom Grosi bis zum Jungspund, vom Outlaw bis zum Stapi. Auch die Frauen kamen in Scharen, bloss nicht auf die Bühne. Einzige Vertreterin des weiblichen Geschlechts war dort Daniele Muscionico, freie Journalistin (u.a. für «Die Zeit», «Du», & ein wöchentlich erscheinendes, xenophobes Hetzblatt).

Der Diskurs fand jedoch vor allem vor dem Anlass (in Workshopgruppen) und danach beim Bier oder Cüpli statt. Als das Podium während des Anlasses auf den ganzen Saal ausgeweitet wurde, kamen höchstens zaghaft ein paar verhaltene, teils auch verwirrende Fragen, Kommentare, Anregungen. Vielleicht hätte man die Debatte von Anfang an öffnen und Zwischenrufe, Interventionen aus dem Publikum fordern und fördern sollen. Aber wahrscheinlich hätte auch das nicht viel gebracht. Schön, haben wir darüber geredet.

In dieser ersten Runde wurde versucht das Phantom «Salle Modulable» fassbarer zu machen. Weitere Podien werden folgen. Ich hoffe schwer, dass es dort eine Auslegeordnung geben wird, eine neue Debatte über Kulturkompromiss und Freiräume. Es wäre schön, an diesen Abenden vermehrt Vertreter der alternativen Szene antreffen zu dürfen …

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7 Kommentare zu “Salle Modulable konkret – DIE Podiumsdiskussion im Südpol”

  1. Pirelli

    Mir kam nur eines in den Sinn gestern:

    Gruselett

    Der Flügelflagel gaustert
    Durchs Wiruwaruwolz
    Die rote Fingur plaustert
    Und grausig gutzt der Golz

    Möge doch noch eine Diskussion stattfinden, auf dass das kalte Grausen etwas gemindert werde.

  2. strudel

    und wer erklärt rosie bitterli endlich, dass diese stadt eine richtige kulturchefin verdient hat? keine kulturchefin, die deplatziert rumbuht und auf die alternativkultur pfeift.
    hasta la vista, rosie!

  3. brad

    rosies bruder peter hat es ja kürzlich in der “vermutungen” kolumne im kuma selber geschrieben: “wir sind die geworden, die wir vor 30 jahren bekämpft haben”. das trifft definitiv auch auf rosie bitterli zu…

  4. Das Fiasko

    Es wird keine “Diskussionen” geben, höchstens ein bisschen blabla.
    Die anonymen Geldsäcke lassen nicht mit sich reden und eine
    scheinbar kulturell unterbelichtete Kulturchefin schon gar nicht.

    Weg mit der Buh-Bitterli und dem Salle Cotzable.
    Wenn aus dem ehemaligen Kulturfrieden nicht das
    Gegenteil werden soll, sind da subito verbindliche Signale
    in eine andere Richtung gefragt.

  5. marta

    ich möchte ausnahmsweise nichts über das gespenst der salle modulable sagen, sondern einfach: vorzüglicher text, pablo. ich weiss, man kann keine poetischen eskapaden über einen solchen anlass schreiben, aber ich bin nun informiert und amüsiert dazu.

  6. liembd

    Es ist vielleicht auch schlicht an der Zeit, dass sich die Alternative Szene organsisiert. Die IG Kultur kann aufgrund ihrer (berechtigter Breite) nicht vollumfänglich für das einstehen, was der AS fehlt.

    Gerne würde ich von einer strukturierten, organisierten und alternativen Musikszene Sätze hören wie:
    Im Zuge der Neuauslegung der Luzerner Kulturpolitik gilt es:

    - alle kulturellen Segmente zu berücksichtigen, auch Off- und Subkulturen.
    - die Luzerner Musik Subkultur ebenso wie eine freie Theater- und Tanzszene nachhaltig zu fördern
    - im Falle eines Leistungsauftrages für die freie Theaterszene auch einen Leistungsauftrag der alternativen Musikszene auszuarbeiten

    Dabei ginge es nicht, anderen Kulturbereichen “Geld” wegzunehmen, es ginge vielmehr darum, dass auch eine Alternative Musikszene eine möglichkeit erhält, sich konzentriert und von innen heraus auf Zugpferde zu konzentrieren, die für eine Weile finanziell unterstützt gehören – und ich spreche hier nicht für den 4000-Franken-Götti Batzen für eine CD-Produktion.

    So. Das wars. Fast nur solang wie der Häfliger.

    Und wegen Rosie: kam das Buh tatsächlich von ihr? Richtig von ihr? Ich weiss es nicht, sass an einem anderen Ort.

  7. sony moped

    Hey, was hat denn der Bitterli Bruder vor dreissig Jahren bekämpft? Wohl bloss sich selber! Den hat man eh nur immer stänkernd an Veranstaltungskassen erlebt, da er sich, als zu höherem berufener Mensch, nicht mit der kleinen Obulus Entrichtung für den abendlichen Kulturschaffenden abgeben wollte. Weiter möchte ich mich nicht über diese Kulturobrigkeit der bitterlichkeit äussern. Es ist aber an der Zeit, Kultur Rabatz auf die Strassen und Gassen zu tragen, solange diese Stadt noch nicht zu Gunsten gepflegter Langeweile-Sauberkulisse für gutbetuchte Touristen, von der Menschlichkeit ausgetrocknet wurde. Im Mittelalter wurde die Kultur auf den Marktplätzen der Städte ausgelebt und davon gibt es ja doch noch ein paar in den leuchtenden Ruinen Luzerns. Ich wusste, warum ich meine Zeit am 2. Dezember nicht den kulturellen Sesselfurzen opferte, die sich so gerne selber beim sinnentleerten Sprechen zuhören. Die Salle Modulable wird für mich eh nur eine weitere Mauer in der Stadt sein, an der ich mich erleichtern kann. Kulturkader dieser Stadt designt nur weiter an euren Büropulten edle Langeweile, die wahre Kultur wird draussen von euren Kindern gelebt!


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