Some time, not all the time

Eben noch im Internet, jetzt schon in Luzern: Hanne Hukkelberg. Am Sonntag abend spielte die Norwegerin im Südpol.

Von Christoph Fellmann

Jetzt müsste man wissen, wie man dieses Konzert beschreiben soll. Gut. Also links und hinten waren Gitarre und Bass, rechts hinten stand das Schlagzeug, davor das Keyboard und in der Mitte das Mikrofon für Hanne Hukkelberg, die im kleinen Blauen dahinter Platz nahm, durchaus ohne die aus der Promotion bekannte Pelzmütze, die ja so ein verschrobenes Singer/Songwriterding hatte erwarten lassen; eine Musik, die sich im Idealfall ganz weit weg von Sophie fuckin’ Zelmani und ganz nahe zur grossen Stina Nordenstam bewegen könnte. Ein bisschen Erwartung war also schon in the air; wer am Sonntag abend noch rausgeht, tut das ja in der Regel nicht, weil er wirklich will, sondern in der nackten Panik, das Konzert des Jahres zu verpassen.

Eine Handvoll Songs auf Myspace, ein anmächeliger Text im Monatsprogramm des Veranstalter («CocoRosie»! Wirkt immer!!): Schon rennen 40 Leute los. Früher gab das schöne Barkonzerte in der Boa, die man spät und betrunken wieder verliess. Heute setzt man sich in der grossen Südpolhalle auf den Boden, streckt die Beine aus und guckt andächtig der Erscheinung auf der Bühne. Wie sagte Bob Dylan: There are reasons for that, there are reasons for this / I don’t know them, but I know they exist.

Was dann los war: Songs, die kaum richtig in die Gänge kamen, aber wenn doch einmal, waren sie gleich grossartig. Da gab es kurze Ekstasen aus vertrackten synthetischen Grooves. Da gab es Gitarren, die splatterhaft nach den Melodien schnappten, und kurze, flammende Industrialhöllen. Da gab es himmelschreiende Gesänge, die auf dem Kulm der Melodie für die Ewigkeit kristallisierten, und Harmonien, die Abgründe aufrissen. Aber eben, wie schon Bob Dylan sagte: Some time, not all the time. Übersetzt: Alles immer nur für ein paar wenige kostbare Sekunden, für eine fantastische Coda, für ein überwältigendes Crescendo. Und dazwischen: Mühsam nach Spuren von Avantgarde abgeklopfte Melodienkonstrukte. Amorphe psychedelische Diarrhöe. Singsang aus dem Jazzworkshop der Folkakademie. Hanne Hukkelberg und ihrer Band gelang es übers ganze Konzert nie, ihre Songs in einen Flow zu bringen, eine Intensität zu erspielen, die originellen Wendungen der Songs mehr als originell, nämlich zwingend klingen zu lassen. Seltsam das, schwer zu beschreiben.

Vielleicht hatte das Schlagzeug einen schlechten Tag, oder die Gitarre stand üblicherweise rechts und das Keyboard links, und als man es merkte, war es zu spät. Wer weiss. Oder vielleicht war das ein ganz normaler Abend, und löst Hanne Hukkelberg die Versprechungen von Myspace ’n’ Pelzmütze erst noch ein. Und irgendwann, mitten in der Arbeitswoche, und irgendwo, wo der Bandniteliner für einen Abend hält, macht es klick oder wusch oder woaaah, und alles wird gut. No Limit.

Kategorie: !!!, Musik | Tags: , , 5 Kommentare »

 

5 Kommentare zu “Some time, not all the time”

  1. echo

    also wenn sich das nicht gelohnt hat, am sonntag abend noch das haus zu verlassen. was dann???… schlechter text, schlechte kritik. keine ahnung!

  2. verein zu förderung des guten feuilleton

    seltsam… schlechter text? – und ich dachte, viel besser kann man eine berichterstattung gar nicht schreiben. es scheint mir bislang gar die umfassendste konzertrezension auf kulturteil – gedankenvoll, anspielungsreich, verspielt, gründlich und nachvollziehbar. wer einen solchen text liest, bekommt wohl mehr mit, als wenn er am sonntag abend das haus verlassen hätte. fabulierlust galore!

  3. echo

    lieber verein zur förderung des guten feuillton, schade dass sie dieserm gutachten mehr zutrauen, als dem erlebaren ereignis. aber das ist ja auch ne haltung… ich kann mir vorstellen dass herr felllmann, der freundliche gast war, der die halbe konzertdauer draussen an der bar verbrachte. nur so kann ein solches journalistisches fiasko entstehen. schade dass sich der verfasser an dem sonntag noch umsonst bemühen musste aus dem haus zu gehen. vielleicht sollte die kulturteil-redaktion das nächste mal einfach jemand anderes schicken. aber wenigstens hat er sich ja vorher noch wie ein richtiger berichterstatter auf myspace informiert.

  4. serge

    und woher weiss das echo, dass ein gast die hälfte des konzertes draussen an der bar verbrachte? journalistisches fiasko ist dann doch etwas gar böse formuliert…jedem seine meinung, jedem sein eigener höreindruck.

  5. Herr Fellmann

    Richtig. Herr Fellmann war draussen an der Bar, und das Echo hat seinen Artikel gar nicht gelesen. So wird doch plötzlich ein Schuh draus!


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