The story is old, I know – but it goes on!

Gestern Abend fand am Luzerner Theater die Schweizer Premiere von Juli Zehs «Corpus Delicti» statt. Regie führte Samir, der viele gute Filme und «Snow White» gedreht hat. Am Schauspielhaus Zürich sammelte er bereits einige Erfahrungen mit der Theaterregie, bevor er nun Luzern beehrt. Das Stück bietet alles, was gutes Theater braucht. Spannung, Ästhetik, Überraschung. Es überzeugt, erregt, berührt und verstört auf allen Ebenen.

Von Pablo Haller

Seit ihrem ersten Roman «Adler und Engel» (2001) ist Juli Zeh mitschuldig, dass der deutsche Buchmarkt hin und wieder etwas wirklich Gutes ausspuckt. Mit ihrem ersten Theaterstück «Corpus Delicti» – das vor einigen Monaten auch als Roman veröffentlicht und von der Kritik sehr begeistert aufgenommen wurde –stellt sie sich in die Reihe der grossen Dystopisten. Nach Huxley, Orwell, Burroughs, nun also Zeh.

Das Thema ist bereits ein wenig verbraucht. Bücher, die den totalitären Überwachungsstaat thematisieren, gibt es wie Sand am Meer. Das meiste davon ist Schund. «Corpus Delicti» erhebt sich jedoch dank seiner poetischen Sprachkraft, dem psychologischen Einfühlungsvermögen sowie der beinahe prophetischen Aktualität deutlich über den Morast der Trivialität. Als das Stück am 15. September 2007 in Deutschland uraufgeführt wurde, war noch keine Rede von Schweinegrippe, Praxistaxen etc. Auch der heilige Kreuzzug gegen die Raucher war noch nicht auf dem heutigen Niveau.

Samirs Inszenierung ist ein wahrer Traum, meiner Meinung nach die Beste am Luzerner Theater in dieser Saison. Vielleicht gar seit 2006, als Jürgen Kruse bei Tennessee Williams’ «Glasmenagerie» Regie führte. Samir entführt uns – vor einem exzellenten Bühnenbild von Werner Hutterli und Videokunst Jonas Räbers – in einen Reigen aus äusseren und inneren Konflikten der Protagonistin Mia Holl – glanzvoll verkörpert von der Baslerin Julie Bräuning –, deren freiheitsliebender Bruder Moritz von der Essenz (der zukünftigen Regierung) auf Grund dubioser DNA-Spuren eines Verbrechens überführt wurde, das er nicht begangen hat. Die Daten jedes Bürgers sind selbstverständlich in einem Zentralarchiv gespeichert und jederzeit abrufbar. Auch hier wird uns die Zukunft – biometrische Pässe – bald einholen.

«Wenn man das Leben wählen kann, muss man auch den Tod wählen können, damit es eine wirkliche Auswahl ist», sagt Moritz, bevor er sich im Knast mit Hilfe einer Angelschnur erhängt. Bevor er stirbt, gibt er seiner Schwester jedoch seine imaginäre ideale Geliebte – in deren Rolle Daniela Britt, ich kann es nicht anders ausdrücken, brilliert – mit auf den Weg, die Mia im Verlauf vom Stück mehr und mehr von der Richtigkeit der Ideale ihres Bruders überzeugen kann.

«Corpus Delicti» zeigt auf, wie ein vom Staat begangenes Unrecht regimetreue Menschen radikalisieren kann. Weist aber auch die Gefahr des Narzissmus und den Willen zum Märtyrertod, das Sich-in-paranoide-Verstrickungen-Hineinsteigern gewisser Revolutionäre, hin. Die Essenz agiert als der grosse Manipulator, der Menschen mordet, in dem er sie in den Selbstmord treibt. Man fühlt sich unweigerlich an die Geschichte der RAF, an Benno Ohnesorg und Stammheim erinnert.

Die Tänzerin, Marta Zollet, die stets in Momenten der inneren Zerissenheit der Protagonistin zu laut dröhnender Musik auftritt, veredelt das Stück, das einerseits dunkel und verstörend – das Mittelalter ist keine Epoche, sondern der Name der menschlichen Natur (Juli Zeh) – ist, andererseits aber auch eine klare Moral ausstrahlt. Die Geschichte der Menschheit ist eine Wiederkehr des Immergleichen. Mit dem Paradoxon, dass der Fortschritt genau gleich existiert, wie er nicht existiert, müssen wir leben.

Ich ziehe meinen Hut.

Fotos: zvg/Tanja Dorendorf, T+T Fotografie

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4 Kommentare zu “The story is old, I know – but it goes on!”

  1. Sylvia

    just perfect!
    Julie Bräuning = ein schauspielerisches Wunder

  2. Keller

    Ich bin sehr enttäuscht von dieser Inszenierung, fand sie auf ganzer Linie misslungen. Vielleicht habe ich einen Fehler begangen, indem ich zuvor die Romanfassung des Stücks gelesen hatte und, wie immer von Juli Zehs Texten, begeistert war. Sie beschreibt eine Geschichte, die schmerzt, die kaum zu ertragen ist, mit erstaunlichen Wendungen, mit philosophischen Abhandlungen, die mich bis ins Tiefste erschütterten, und dies ausnahmsweise auch nicht mit zu vielen Metaphern überladen. Kurzum, ein geniales Buch.
    Und voller Vorfreude habe ich heute die Vorstellung besucht, doch die Schauspieler waren ohne Energie – vielleicht hatte Julie Bräunig einen schlechten Tag, aber sie schien den Text einfach runterzuleiern. Eine Lesung hinter einem Pult hätte es auch getan.. Zudem war bei einigen (vor allem beim Schauspieler in der Rolle des Moritz) der Schweizer Akzent nicht zu überhören.
    Und ein Baum? Eingeblendetes Flussplätschern und Kaffekochen? Vier vermummte SWAT-Typen, die sich abseilen? … Soll das Illusionstheater sein, oder eine Brechung ebendessen? – bitte entweder, oder!
    Das flüchtige Medium der gesprochenen Sprache verunmöglichte für meine Freundin, die das Buch nicht gelesen hatte, jeden Gedankengang nachzuvollziehen, denn schon folgte das nächste hochtrabende Rhetorik-Gebilde. Und irgendwann gab sie auf und langweilte sich nur noch.
    Auch die Wendungen und die Dramatik des Schlusses waren überhaupt nicht vorhanden. Nach der Vorstellung blieben einige unzusammenhängende Wortfetzen hängen und die schale Ahnung, möglicherweise etwas Wichtiges und Bedeutendes verpasst zu haben.
    Ich hätte mir eine viel radikalere Bühnenumsetzung gewünscht. Diese erschein mir nicht für die Bühne gemacht; im Film ist Illusion erwünscht(er) und vor allem auch möglich(er), auf der Bühne darf dem geneigten Publikum ruhig auch mehr gezeigt werden, als emotionsloses Texteaufsagen, gerne in abstrakterer Form!
    Schade..

  3. pablo

    liebe(r) keller
    bist du sicher, dass wir an der selben veranstaltung waren? wenn ja, hoffe ich wirklich, dass die schauspieler bloss einen schlechten tag hatten…
    ich gab mir vorher selbstverständlich auch das buch von juli zeh, fand samirs inszenierung jedoch genau so genial wie die romanfassung, wenn nicht gar stärker.
    ich bin`s mir gar privat noch ein zweites mal anschauen gegangen, was mich abermals völlig überzeugte. die kritik an samuel zumbühls (moritz darsteller) “schlechtem” schriftdeutsch kann ich in keinster weise teilen, ist er doch neben daniela britt und manuel kühne eines der grossen jungtalente am luzerner theater. ich weiss nicht, wo du dir sonst theaterstücke ansiehst. wir können luzern weder mit london noch mit berlin vergleichen…
    für das hiesige theater jedoch – da halte ich an meiner kritik fest – war`s göttlich!
    emotionsloses texteaufsagen? ich hoffe, das war ein einmaliger durchhänger. bei den beiden vorstellungen, die ich besuchte, war das ganze voller drive und tiefer emotionen…

  4. Die einen sparen beim Geld, die anderen beim Denken. Wer beides tut, macht Bildungspolitik – Kabarettwoche im Kleintheater — Kulturteil

    [...] des Programms – allem voran die dystopischen Visionen – erinnerten an «Corpus Delicti» (von Samir am Luzerner Theater inszeniert) und waren vier Tage nach der Einführung des [...]


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