Was macht die Zeit mit den Alben? [#6]

Ich war jung und hatte keine Ahnung. Es tut mir leid. Ich ging in den Laser, um die neuen schönen Popperlen von Weezer zu hören und da schepperte ein Krach zum Kopfhörer raus und ich dachte: «Was haben denn die gegessen?» Auf jeden Fall hab ich ein, zwei Jahre später dann kapiert, dass «Pinkerton» die grossartigste Weezer-Platte ist, die es wohl je geben wird.

Von Dr. Knobel

Pinkerton von Weezer – 1996

Ich gebe es gleich zu: Ich habe die Platte damals nicht gekauft, ich hatte wie viele andere, nach dem ersten Weezer-Album etwas Anderes erwartet. Wie gesagt: Ich war jung und hatte keine Ahnung. Es tut mir leid.

Ich versuche mich zu erinnern: Der erste Song handelt von Sex und fängt mit einem garagigen Rumpel- Schlagzeug an. Im Grunde war «Pinkerton» eine Proberaum-Aufnahme, nur, dass jeder Song erste Sahne und die Band erste Güte war. Da war das Liebeslied, das sich an einen Fan auf der anderen Seite des Teichs richtete, oder das Liebeslied, in dem Sänger Rivers Cuomo in eine Lesbierin verliebt war und verzweifelt sang: Alle sind ein bisschen bi, warum kann sie nicht ein bisschen hetero sein. Oder irgendwo sang er: In meinen Gedanken waren wir schon verheiratet, aber verheiratet in meinen Gedanken ist gar nicht gut.

Es war ja dann so, dass niemand die Platte gekauft hat und Weezer deprimiert waren und erst mal aufgehört haben, Musik zu machen und gesagt haben: Da machen wir lieber erst unseren Abschluss, wenn die Fans so sture Arschgeigen sind, die immer nur dasselbe hören wollen. Später haben sie sich dann wohl gesagt: Dann machen wir halt die blöde Partymusik und werden reich und unglücklich.

Schallplatte dreh!

«Tired Of Sex»: Da ist das Rumpelschlagzeug, begleitet von einem Casio-Keyboard. Der Bass knorrt wie ein Bär. Schnell wächst das Ganze zu einer Krachorgie. Der Text ist einfach und super: «I’m tired of having Sex… Monday night I’m making Jen, Tuesday night I’m making Lynn.» In echt fresht das Lied viel mehr als in meiner Erinnerung…

«Getcho»: Eine Keyboard-Gittarenwand kracht los wie Butter. Eigentlich ist das der Opener der Platte.

«No Other One»: Ein wirres Gitarren-Geslide. «My girl’s a liar but I’ll stand beside her, she’s all I’ve got and I don’t want to be alone.» Ein langsamer 6/8-Stampfbeat, wie ihn nur Weezer spielen können. Ein japanisches Keyboard pfeift mit. Zum ersten Mal nehmen sie zwischendurch die Lautstärke runter. Die dadaistische Gitarrenarbeit ist göttlich! Der letzte Refrain ist höher.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Ich hatte vergessen, wie kurz diese Lieder sind und wie opernartig. Das ist jetzt vielleicht etwas abwegig, aber heute erinnert mich das an die «Bohemian Rhapsody»-Zeit von Queen. Dieses nervöse Wechseln von Intros, Strophen und Zwischenteilen. Dieser Überfluss an Ideen.

«Why Bother»: Jetzt Tempo!

«Across The Sea»: Ein scheues Klaviergeklimper und eine krumme Blockflöte wimmern abends am Strand in den Sommerwind. Eine Gitarre sagt: «Schau, wenn ich müde die Saiten schrumme, haben die Kinder schon Angst.» Gitarre und Gesang fangen an, Bass und Schlagzeug hauen entspannt aber bestimmt mit. Beim Gitarrensolo schieben sie die Tonlage rauf, um danach den Song nochmals auf Gitarre und Gesang zu reduzieren. Im nächsten Moment zwirbeln sie im doppeltem Tempo einen Refrain. Wenn das keine Oper ist.

«The Good Life»: Stockend rumpelt das Lied an (fast Hiphop). Rivers schaut in den Spiegel und fühlt sich alt und scheisse, im krachenden Refrain will er dann zurück nach früher, wo es besser war. In der Mitte des Songs gibt’s erst disharmonischen Kunstrock, dann wird runtergefahren (Zivilschutz) und gesteigert, um am Ende wieder zu krachen als wäre es das letzte Mal.

«El Scocco»: Nicht so ein gutes Lied.

«Pink Triangle»: Kinder-Gitarren-Intro, und dann fahren Weezer diesen Riesenhit in einem Weezer-Groove durch den Äther, dass der TGV dagegen eine zerquetschte Blindschleiche auf einer Nebenstrasse in Mexiko City ist. Natürlich wechseln sie noch dreimal den Rhythmus, ohne zu verunfallen.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

«Fasling For You»: Noch ein Hit. Ein B-Teil-Gottes. Der Refrain hält nicht, was die Strophe versprochen hat.

«Butterfly»: Zum Schluss ein Gute-Nacht-Lied.

Nächsten Monat fliegen wir nach New York ins Jahr 1992.

Kategorie: Kolumne, Musik | Tags: , , 4 Kommentare »

 

4 Kommentare zu “Was macht die Zeit mit den Alben? [#6]”

  1. Alejandro

    Danke Knobel, danke!

  2. Maurel

    das grösste deppenalbum des universums. unverschämtheit so einen mist zu hören….

  3. Alejandro

    Pfui, Maurel, pfui! Schäm dich!

  4. jonas

    Pinkerton ist sozusagen unkritisierbar!


Kommentar schreiben



*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture. Click on the picture to hear an audio file of the word.
Click to hear an audio file of the anti-spam word

Nach oben