So ein Theater! – Dritte Diskussion der IG Kultur zur Salle modulable im Südpol
Bereits zweimal hat die IG Kultur zur Diskussion über die Salle modulable und ihre Auswirkungen in den Südpol geladen, bei der dritten Auflage gestern Montag ging es spezifisch um das Theater. Pirelli ging einmal mehr hin – und wurde nicht aus den Socken gehauen.
Von Sam Pirelli
Nach den Runden von Dezember und Januar nun also die dritte Diskussion um die Salle modulable. Bereits zum zweiten Mal in der Form eines «World Café» – also drei grosse Tische in der Grossen Halle; an jedem Tisch wird über ein definiertes Thema diskutiert, dann wechselt man nach einer halben Stunde – ich muss es noch einmal schreiben, weils mir so gut gefällt: in einer Art geriatrischem Speed Dating – den Tisch und das Thema. Die Tische standen nun weiter voneinander entfernt als beim letzten Mal, was die Kommunikation deutlich erleichterte. Diese Art der Diskussion hat Vorteile – man kommt viel eher ins Gespräch, redet auf Augenhöhe mit den anderen Interessierten und den ExpertInnen –, aber auch einen entscheidenden Nachteil: Wenn man nicht einfach an einem Tisch bleibt für alle drei Runden, bekommt man nur einen Bruchteil dessen mit, was diskutiert wird. Im Folgenden schildere ich meine Eindrücke, meine Sicht des Abends – und fordere dazu auf, die Kommentarfunktion unten reichlich zu nutzen, damit sich so ein umfassenderes Gesamtbild des Diskussionsstands ergibt.
Die rund 50 Teilnehmenden setzten sich zu grossen Teilen aus TheatergängerInnen und Theaterschaffenden aus der freien Szene zusammen – vom Schauspiel des Luzerner Theaters hatte es niemand nötig zu kommen. Das empfand man allgemein als durchaus skandalös: Das Haus wird mit 22 Millionen unterstützt, es findet eine gross angelegte Diskussion um eben dieses Haus und seine Zukunft in Zeiten neuen Geltungswahns und ersehnter Luxustempel statt – und dann verweigert es sich diesem Gespräch. Diese Haltung allerdings hat System, wie an meinem ersten Tisch deutlich wurde:
Thema: «Wo beginnt die freie Szene, wo hört sie auf?», mit Gisela Widmer (Autorin) und Annette Windlin (Theaterschaffende). Hier wurde erst um die Begrifflichkeit diskutiert: Man kann nicht von «etabliertem» und «nicht etabliertem» Theater sprechen, denn auch die freie Szene ist durchaus etabliert. Also schlug man vor, bei den staatlichen Häusern von «institutionalisiertem Theater» (im Folgenden: iT) zu sprechen, im Gegensatz zu der nicht institutionalisierten freien Szene. Nicht nur ist der Begriff tauglich, er ist auch ein Zungenbrecher und sorgte den ganzen Abend für manch amüsanten Versprecher. Nun schuf Windlin auch eine klare Abgrenzung zwischen der freien und der Laientheaterszene, die in den Medien gern vermischt würden. Diese Unterscheidung lässt sich leicht machen, man lebt davon oder nicht.
Was also zeichnet die freie Szene aus? Man hat wenig Geld, aber viel mehr Gestaltungsfreiraum. So muss man sich nicht an den Bildungskanon halten und jedes Jahr mindestens drei Klassiker aufführen, sondern kann schnell und direkt auf politische und/oder gesellschaftliche Sachverhalte eingehen. Und man hat im Gegensatz zum iT ein weniger eingeschränktes Publikum, was wiederum zum Gestaltungsfreiraum beiträgt.
Das iT hingegen verfügt über eine ausgebaute Infrastruktur mit Kulissenschreinerei, Kostümfundus,
gewieften TechnikerInnen etc. Weshalb also findet gerade in Luzern keine Durchlässigkeit gegenüber der freien Szene statt? Kostüme müssen teuer gemietet werden, lokale Theaterschaffende werden in der Ära Mentha offenbar systematisch übergangen, nicht einmal hiesige Schauspieler werden für einzelne Stücke zur Ergänzung des geschrumpften Ensembles angestellt. Das sei unter Mundel deutlich anders gewesen. Ich selber kann das nicht beurteilen, aber das Theater damals war tatsächlich besser, interessanter und politischer, mir ward ganz weh ums Herz. Der kantonale Kulturbeauftragte, Daniel Huber, schloss sich dieser Kritik an der systematischen Abschottung des Luzerner Theaters gegenüber der freien Szene mit überraschend deutlichen Worten an.
Dann war die halbe Stunde vorbei, und es ging an den nächsten Tisch:
«Wer geht (und warum) ins Theater?», mit Stefan Graber (Germanist, Kulturvermittler) und Ina Brueckel (Präsidentin Theaterclub, Stiftungsrat Luzerner Theater). Man diskutierte um diese Frage, stellte fest, dass am iT die AbonnentInnen und die Subventionsgeber den Spielplan massgeblich mit bestimmen, kam wieder auf Mundel zu sprechen und die Abo-Besitzer, die jeweils nach fünf Minuten ihren Platz sich lauthals beschwerend verliessen – natürlich ohne etwas vom Stück mitbekommen zu haben, sondern einfach, weil es zum guten, bürgerlichen Ton gehörte.
Überhaupt diese Bürgerlichkeit! In beiden Bedeutungen des Worts: Bildungsbürgertum wie auch politisch eher rechts stehend. Zwar wurde die bürgerliche Ausrichtung des iT erst erheblich in Abrede gestellt, dann aber musste man sich ebendieser Bedeutung doch fügen, wiederum in Anbetracht der Geldquellen und des Bildungsauftrags. Und erneut wurde diesem Umstand die Freiheit der freien Szene entgegengesetzt, verschiedene VotantInnen erwähnten, dass sie durch freie Produktionen emotional mehr mitgenommen worden seien als am iT, dass Verblüffung und Konfrontation, also die Urfunktion des Theaters, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, dort viel eher stattfänden.
Und es fiel ein markiger Kernsatz: «Nicht alles, was schlecht besucht wird, ist automatisch gut – und nicht alles, was ausverkauft läuft, muss gleich schlecht sein.»
Sonst nicht viel Neues an diesem Tisch.
Also zum dritten: «Die Zukunft des Theaters?», mit Stefan Sägesser (Theaterfachmann) und Erich Sidler (Schauspielchef Stadttheater Bern). Hier fantasierte man über mögliche Zukunftsformen, und endlich kam auch die unselige Salle modulable ins Gespräch: Man zitierte Valentin Groebner, der beim ersten Podiumsgespräch gesagt hat, man solle wahre Modulabilität dadurch erreichen, dass man sich nicht auf einen neuen Tempel konzentriere, sondern das Geld nütze, ganz verschiedene Räume temporär zu bespielen. Und das schien der Tenor zu sein: Weg von der Guckkastenbühne, hin zur Innovation durch neue Räume.
Mehr habe ich von diesem Tisch nicht mitbekommen, weil mich der ganze Abend reichlich fadisierte und ich in die Shedhalle ging, wo man an der Bar bei Wein und Tabak wesentlich direkter und konkreter sprach. So erfuhr man unter anderem, dass es bei der Frigorex möglicherweise doch nicht so schnell geht wie geplant, weil Immobilientycoon Jost Schumacher befürchte, den durch die Bauzonenvorschriften erforderlichen Gewerbeanteil in der heutigen Wirtschaftslage nicht vermieten zu können. Dann sollen jetzt Bestrebungen stattfinden, eine Art Brachenkataster zu erstellen, damit Zwischennutzungen leer stehender Gebäude möglich werden. Und weiter wird an einem teuren Modell gebaut, das die technischen Möglichkeiten der Salle modulable zeigen und ihr endlich ein Gesicht geben soll.
Insgesamt zeichnete sich der Abend vor allem durch Abwesende aus: das männiglich als frech empfundene Fehlen des Schauspiels des Luzerner Theaters, die fehlende Diskussion über die Auswirkungen der Salle auf iT und freie Szene, die Konkretisierung dessen, was aus dem Stadthaus neulich verlautete, nämlich dass man an die Salle ein weiteres Gebäude anbaue, in dem institutionalisierter Tanz und Theater stattfinden sollen, und zwar wundersamerweise zu gleichen Kosten. Auch wurde wieder nicht angesprochen, wie die Salle denn zu bespielen sei. In Anbetracht der Kosten und der technischen Möglichkeiten geht das nämlich nur, wenn man erstens ganz neue Probelokalitäten mit vergleichbarer Technik schafft – die in jedem Budgetentwurf einfach fehlen –, und zweitens, wenn man die Salle für die Endproben mehrere Wochen schliesst und dann längere Zeit nur ein Stück aufführt, das Mainstream zu sein hat, weil es ausverkauft laufen muss. Und auch die Kosten blieben aussen vor: Bereits jetzt ist am Luzerner Theater jeder Platz mit mehr Subventionen unterstützt, als der/die ihn Besetzende an Eintritt bezahlt hat – wenn der Platz denn überhaupt verkauft ist. Bei der Salle wird dieser Betrag massiv steigen.
Zusammengefasst also immer noch keine Klarheit am Horizont.
Nachtrag: Verschiedene OhrenzeugInnen haben berichtet, die städtische Kulturchefin habe sich mit Häme (das Wort fiel in Abwandlungen bei allen, die davon erzählten) dahin gehend geäussert, dass die freie Szene sich mit der Demo der gelben Schuhe ein Ei gelegt habe, ohne diese Demo wären 1,5 Millionen an Subvention geflossen. Das nimmt mich jetzt aber wunder. Würde Rosie Bitterli dazu vielleicht in einem Kommentar Stellung beziehen? Wie kann es sein, dass eine kreative, friedliche, das Gewerbe überhaupt nicht störende Aktion einen solchen Effekt hat? Und wer befindet darüber? Sollte es tatsächlich wahr sein, stünden die Zeichen auf Sturm.
Kategorie: Politik | Tags: daniel huber, freie szene, luzerner theater, rosie bitterlie, salle modulable, südpol, theater 19 Kommentare »

Hallo, da ich den Parcours sozusagen tischversetzt zu Pirelli absolviert habe, auch von meiner Seite ein paar Beobachtungen:
Das Fehlen des Luzerner Theaters: Stiftungsräte waren zwar da, aber niemand aus der operativen Leitung. Ich vermute mal, weil sie in der Neuen LZ gelesen haben, dass der Stadtrat jetzt doch das ganze Dreispartenhaus in die Salle M. zügeln möchte. Was soll man da noch diskutieren, ist ja alles in Butter. Habe unterdessen nachgelesen im Zusatzpapier, das der Stadtrat im Februar als Ergänzung zum Planungsbericht veröffentlicht hat, und siehe da: «Das zurzeit bearbeitete Betriebskonzept (für die Salle M., Anm. d. Verf.) umfasst das Luzerner Theater mit drei Sparten, also auch Schauspiel und Tanz, während rund neun Monaten und das Lucerne Festival mit Musikthetaerproduktionen während rund drei Monaten.» Auf Seite 10 steht dann: «… als dass er (der Stadtrat, Anm. d. Verf.) deutlich macht, dass er in seiner Haltung weiterhin offen bleibt – insbesondere auch, was die Zukunft des Luzerner Theaters betrifft.» Zusammenfassung: Es darf weiterhin offen diskutiert werden, während im Hintergrund schon mal das Betonfundament für den gleichen, alten Dreispartenbetrieb verlegt wird. Oder interpretiere ich das jetzt falsch?
Die Anwesenheit von Michael Haefliger, dem Initianten der Salle M.: Ja, er war da, und er schien sogar ausgesprochen interessiert an dem, was die Vertreter der freien Szene zu sagen hatten. Darf man auch mal festhalten. Er sprach sich mehrmals gegen Sparübungen aus, und er sagte, innovative Kunst entstehe eher in projektorientierten Prozessen als in fixen Strukturen zum Beispiel mit Spielplänen (!); gerade im Tanz und Theater, wo auch das Publikum für Innovation offener sei als in der klassischen Musik und im Musiktheater (!!), müsse man also dazu kommen, projektorientiert zu arbeiten. Es brauche Strukturen, «die noch zu erfinden sind». Gut war Dominique Mentha nicht da, er hätte eventuell aus Ärger einen Krug zerbrochen.
Die Breitseite von Daniel Huber gegen das Luzerner Theater: Das Luzerner Theater sei nicht nur übernutzt und marode (gemeint hat er die Infrastruktur), sondern überhaupt nicht so heterogen, wie es sich gerne darstelle. Dafür, dass es die höchste Pro-Kopf-Subvention eines Kulturhauses in der Schweiz beziehe, erreiche es zu wenige und zu wenig unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und erfülle somit den Leistungsauftrag nur ungenügend. Das Ensembletheater müsse für die freie Szene und für freie Formen viel durchlässiger werden.
Die Breitseite von Rosie Bitterli gegen die freie Szene: hab ich auch nur um mind. eine Ecke mitgekriegt.
Die freie Szene: immer noch brav und unterorganisiert; aber einzelne ExponentInnen scheinen die Beisshemmungen unter dem Druck des Geschehens doch langsam abzulegen. Annette Windlin sagte etwa, die Freien seien bereit, sich auf ein Wettbewerbssystem einzulassen, bei dem sie sich mit ihren Projekten für Unterstützungsbeiträge bewerben müssen – auch auf die Gefahr hin, mal nichts zu kriegen. Die Voraussetzung sei einfach, dass insgesamt endlich mehr und genügend Geld zur Verfügung stehe. Und ja, das sei existenziell.
Das Problem der Aktion mit den gelben Schuhen war ja, dass sie die Öffentlichkeit (sprich: die Neue LZ) als Sympathiekundgebung für den Erhalt des Dreispartenbetriebs am Luzerner Theater auslegte. Tatsächlich scheinen Teile der freien Szene mittlerweile dergestalt radikalisiert, dass sie auch die entscheidende Frage zu stellen wagen: Ist es richtig, dass fast das gesamte Budget, das die Region Luzern für professionelles Theater- und Tanzschaffen zur Vefügung stellt – wir sprechen hier von sicher 95 % – zu einem einzigen Intendanten, in ein einziges Haus, zu zwei einzigen Ensembles fliesst? Wann beginnt man endlich, über dieses Geld zu reden und über Modelle, wie es verteilt werden soll und kann? Wie lange muss man sich noch anhören, dass es Ensembles nur an Stadttheatern gibt, dass nur dort Shakespeare gespielt wird , dass nur an Stadttheatern spartenübergreifend gearbeitet werden kann (wo doch alles schön süüberli unter einem Dach ist)??
Die Sache mit der Innovation: Am verblasensten war die Diskussion am Tisch, an dem es um das Theaterpublikum ging. Braucht es überhaupt innovative Theater- und Tanzformen, wurde gefragt, oder reicht nicht für den grössten Teil der Bevölkerung auch das Kulinarische? Hei, war das ein Tabubruch! Leider völlig am Thema vorbei. Es geht doch nicht darum, was die Leute sich anschauen wollen und sollen, wenn der Tag lang ist; sondern darum, was die Kulturpolitik fördern soll, wohin das Geld fliesst, und da geht es um Qualität. Wer die fördert, wird auf Dauer mit grosser Wahrscheinlichkeit auch Innovation ernten, aber die kann man dann gut und gerne den ausführenden Künstlern überlassen.
Und schliesslich die Sache mit dem Bier: ach, ja.
Südpol, Montag, 8.3.2010 – Luzern liebt Diskussionen
Dem nicht wahnsinnig produktiven Abend kommen nun noch Kommentare hinterher, die in der Sache auch nicht weiter führen, stattdessen erneut mit kleinen Löffeln fleissig Gräben schaufeln.
Vielleicht gehört das zum Thema: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen….. oder irgendwann hilft nur noch die Ambulanz. Vielleicht gehört es auch zu einer Strategie, die sich lieber an geradezu chronifizierten Oppositionen abarbeitet, statt beim Denken die Richtung zu wechseln.
Im Nachtrag zum grauen Montag dies: zunächst ist es so verwunderlich nicht, dass das Luzerner Theater keine ‚Delegation’ zum Gipfeltreffen entsendet, wenn doch das Luzerner Theater gar nicht eingeladen wird. Gleichwohl waren Mitarbeiter/innen und der Präsident der Stiftung zugegen. Dass Theatermacher, auch solche der institutionalisierten Häuser, sich häufiger ans Theater machen gebunden sehen, sprich: ans Entwickeln, Proben und Aufführen, ist auch nachvollziehbar im Falle des Luzerner Theaters, dass seit mehr als zweieinhalb Jahren überdurchschnittlich und personalintensiv gefordert wird durch Konzeptionalisierungen, Projektierungen, endlosen Diskussionen im Zusammenhang Salle Modulabel – vorausgesetzt man will sich den einfachsten Argumenten nicht entziehen.
In allen drei Diskussionsrunden am ‚Publikumstisch’ zeigte sich etwas, das m.A. den ganzen Abend, wenn nicht die ganze Situation zunehmend charakterisiert: eine Verfahrenheit auf allen Ebenen. Das betrifft die allgemeine Kommunikation wie auch die offenbare Rat- und Hilflosigkeit im Umgang mit kulturpolitisch hinterlegten Grundsatzfragen. Der dereinst beschworene Kulturkompromiss hat seine beste Zeit als Denk- und Diskurskonstrukt hinter sich. Konflikt statt Kompromiss lautet jetzt die Devise. Die Aggressivität steigt, das sprichwörtliche Geschirr wird mit erstaunlicher Hingabe in immer grösseren Mengen zerschlagen und Allianzen in sportiv überzeugenden Eiltempo geschlossen, gekündigt, proklamiert, verworfen etc. Was im Ambiguitäten-Repertoire auf Lager ist – jetzt wird es in einer betrüblichen Sonderschau ausgestellt. Wohin dieses Konfliktpotential auch künstlerisch führen könnte und welche Rolle dem Publikum in dieser Situation zugedacht ist, wäre des Redens an diesem Abend im Südpol wert gewesen. Wäre gewesen. War es aber nicht.
Ganz so „verblasen“ bzw. am „verblasensten“ wie Christoph Fellmann schreibt, war die Diskussion am ‚Publikumstisch’ aber auch nicht. Auffällig hingegen, die Unmöglichkeit, die Diskussionsteilnehmer/innen zum eigentlichen Thema, nämlich den nahezu unbeantwortbaren W-Fragen „Was will welches Publikum wo sehen“ zurückzuführen. Nun müssen Umwege ja nicht das generelles Problem sein, die erstaunlichsten Entdeckungen wurden auf Um- und vermeintlichen Irrwegen gemacht. Am Montagabend hat sich nichts Überraschendes, dagegen erneute Ernüchterung eingestellt. In drei Runden wurde beharrlich und allen Lenkungsmanövern zum Trotz mehr oder weniger und mehr oder weniger engagiert am Thema vorbeigesprochen. Die möglicherweise interessante Frage nach der Beziehung zwischen dem Publikum und den Theatern wurde schon gar nicht verfolgt. Stichwortartig rekapituliert ging es um folgendes
1. Runde: Zielstrebig wird der Zusammenhang zwischen den Raum-/Infra- und Produktionsstrukturen und den produzierbaren Inhalten, insbes. unter Aspekten künstlerischer Innovation in den Ring geworfen. Das Publikum spielt hier allenfalls eine marginale Rolle, etwa im Sinne einer langfristig erziehbaren Rezeptionsklientel. Ausdrücklich polemisch und polarisierend wird dagegen das „freie Recht auf Unterhaltung“ gehalten und sogleich kritisch hinterfragt.
2. Runde: Der Faktor Publikum taucht etwas deutlicher in der rasch vernebelten Gesprächsrunde auf und verschwindet erstaunlich schnell wieder hinter Fragen, die – konsequenter verfolgt – zu den Sorgenkindern des Kultur-Marketing gehören. Wie und auf welchen Wegen ‚das Publikum’ zu erreichen ist, wird hier gefragt und gemeint sind die Klassiker: Kommunikation und Distribution. Einig wird man sich darin, dass die darstellenden Künste am liebst vor Publikum darstellen. Immerhin wird in dieser Sequenz auch klarer, dass wir von durchwegs heterogen Teilpublika sprechen (müssen), von disparaten und letztlich unvereinbaren Bedürfnissen, von unterschiedlichen Produktions-, Inszenierungs- und Sendeformaten, die womöglich unterschiedliche Interessen entsprechen und unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen. Erst in jenem Kontext werden Abonnenten zitiert, die in der Ära Babara Mundels das Luzerner Theater während der Vorstellung verlassen haben, und zwar im Sinne eines demonstrierten Geschmacksurteils.
3. Auch in dieser Sequenz hat sich die von einzelnen Stimmen dominierte Diskussion verblüffend schnell von der gestellten Frage entfernt und sich nach kleinen, bisweilen ironischen Exkursen schliesslich auf theaterpädagogische Angebote und Leistungen konzentriert. Wie viel kulturelle Sozialisation ist notwendig, und welches Mass für kulturell und medial tendenziell überlastete Schüler und Schülerinnen verkraftbar.
Und das Fazit? Es gibt kein Bier auf Hawai.
Eben erreicht mich eine Stellungnahme von Rosie Bitterli zu ihrer inkriminierten Äusserung zur Aktion “Gelbe Schuhe”, die laut einer Ohrenzeugin lautete: «Die freie Szene ist selber schuld, wenn die Politik den Dreispartenbetrieb jetzt für die nächsten 30 Jahre zementiert.» Rosie Bitterli schreibt in einer E-Mail: «Ich habe einfach festgestellt, dass mit der Aktion Druck für den Erhalt der Schauspielsparte am Luzerner Theater entstanden ist, in der Politik und in der Öffentlichkeit. Mit dem Auslagerungsvorschlag haben wir versucht, eine Umverteilung der vorhandenen Mittel in Richtung freie Szene zur Diskussion zu stellen. Wenn es nicht zur Auslagerung kommt, gibt es dann wohl auch nichts umzuverteilen.»
Zur Rolle der Luzerner Kulturbeauftragten:
Ich habe damals im Hintergrund die Aktion „Gelbe Schuhe“ koordiniert, obwohl ich selber kein Mitglied der Freien Theaterszene bin. Dieses unbezahlte Mandat habe ich angenommen, weil ich ein Theater-Fan bin. Man trifft mich– als Zuschauer/Konsument/Publikum – bei zahlreichen Produktionen im institutionalisierten Theater aber auch in der Freien Szene und bisweilen gar im Volkstheater. Die nachfolgenden Bemerkungen mache ich als Privatperson und nicht als Vertreter der Freien Szene.
Der Bericht von Rosie Bitterli an den Luzerner Stadtrat hat mich hellhörig gemacht. Alleine schon, wenn ich in einem Bericht Wörter wie „Grundversorgung“ lese, gehen bei mir alle roten Lampen an. Grundversorgung heisst doch nichts anderes, als die Versorgung mit dem (unbedingt) Nötigsten. Was muss ich unter Grundversorgung im Bereich Sprechtheater verstehen? Kann man damit eine Theaterszene lebendig – oder einfach nur am Leben – erhalten? Heisst diese Grundversorgung, was Rosie Bitterli im Kulturplatz von SF DRS sagte, dass ich in Zukunft, wenn ich gutes Theater sehen will, mit dem Bus nach Zürich, Basel oder in den Süddeutschen Raum fahre? Von einer Kulturbeauftragten erwarte ich, dass sie sich als Kultur-Lobbyistin betätigt und nicht Hand zum Abbau der kulturellen Vielfalt bietet. Luzern wird nie nur Musikstadt sein. Wer – wie das Lucerne Festival – mit grossem Erfolg Rosen züchtet, muss nicht unbedingt die Tulpen, die im Garten nebenan wachsen, köpfen.
Nachdem ihr Bericht in der Luft zerrissen wurde, ist Rosie Bitterli der Auffassung, die Aktion „Gelbe Schuhe“ sei schuld daran, dass alles beim Alten bleibt; dass der Dreispartenbetrieb am Luzerner Theater in Beton gegossen wird. Ich wiederhole jetzt nicht alle Forderungen der Freien Szene anlässlich der Aktion „Gelbe Schuhe“. Nur so viel: Die Freie Szene hat damals mit Nachdruck eine Diskussion mit allen Beteiligten über die Zukunft des Sprechtheaters in Luzern gefordert. Das, ohne vorgegebenes Resultat. Ich hoffe, dass in weiteren Gesprächen eine Lösung gefunden wird, welche der Stadt Luzern auch künftig – in welcher strukturellen Form auch immer – eine lebendige Theaterszene erhalten kann.
Wenn heute Rosie Bitterli überall herumerzählt, die Aktion „Gelbe Schuhe“ habe den Erhalt des Dreispartenbetriebes am Luzerner gefordert und damit den Dreispartenbetrieb am Luzerner Theater in Beton gegossen, kann ich dazu nur sagen: Stimmt nicht! Die Aktion „Gelbe Schuhe“ hat nicht für die Zementierung des Ist-Zustandes plädiert. Die Freie Szene wollte aber bei der Ausgestaltung der künftigen Luzerner Sprechtheaterszene (und der Tanzszene) mitreden. Und genau so wenig, wie ein Argument besser wird, wenn man es mit lauter Stimme vorträgt, so wird diese Behauptung nicht wahrer, egal wie oft sie von Rosie Bitterli wiederholt werden mag.
Ich verstehe Rosie Bitterlis Problem durchaus: Selten wurde ein Bericht an den grossen Stadtrat, schon vor dessen Behandlung, dermassen in die Pfanne gehauen. Nur: Das liegt weder an der Freien Szene noch an der Aktion „Gelbe Schuhe“, sondern lediglich an den Schwächen des Berichts. Hätten die Gespräche mit allen Beteiligten vor der Verfassung dieses Berichtes stattgefunden, dann wären wir heute nicht in dieser verfahren Situation. Das Argument des Zeitdruckes lasse ich nicht gelten. Schliesslich kostete der Rückzug des Berichtes jetzt noch viel mehr Zeit. Meine Hoffnung: dass es sich am Ende bei dieser Zeit nicht um „verlorene“ Zeit handelt.
Und zum Schluss: Auch ich bin masslos enttäuscht, dass die Verantwortlichen des Luzerner Theaters am Montag durch Abwesenheit glänzten. Es kann ja sein, dass der Theaterdirektor und der Schauspielleiter an diesem Abend unabkömmlich waren. Aber man hätte zumindest einen Stellvertreter benennen können, der die Sache des Luzerner Theaters vertreten hätte. Das Luzerner Theater darf sich nicht wundern, wenn ihm diese Absenz jetzt als Arroganz ausgelegt wird.
Peter Isenegger
[...] Anm. Forum > Reaktionen zur Veranstaltung siehe kulturteil.ch [...]
“Viel Hände machen kurze Arbeit, aber der Teufel fährt in die Schüssel.”
Lustig. Eben dacht ich noch, es sei so still auf dem Aphoristikerbänklein. Und da meldet sich schon Stiller Beobachter. Schönen Gruss in die Abgeklärtheitshölle!
Als engagierter Zuschauer und Zuhörer unterwegs an den drei Pallaver-Stationen sind mir natürlich auch “Bonny & Clyde” als Vertreter/innen der Kulturverwaltung aufgefallen, die ohne Contenance verbal herumballern, um sich anschliessend aus einer schiefen Verantwortungslage zum Kulturkompromiss davon zu schleichen. Wie sonst wäre es möglich, dass der kantonale Kulturbeauftragte mit Einsitz im Stiftungsrat des
Luzerner Theaters, nichts dafür kann, ob der von ihm geäusserten katastrophalen und maroden Lage des Hauses an der Reuss. Und was sonst bezweckt die bereits von Pirelli und Fellmann erwähnte Häme gegenüber einer kulturengagierten Aktion mit den gelben Schuhen, als eine unglaubwürdige Selbstinszenierung durch Kulturgefasel eines unnötigen Bittergetränks an diesem Abend?
Ob institutionalisiert, etabliert, finanziert oder eben bewusst auf der anderen Seite der Kulturstange gewerkelt wird, die verrauchte Weinrunde trug doch einiges mehr zum unverkrampften und offenen Gespräch bei.
Mittlerweile etabliert sich der Südpol langsam aber sicher als Gasthaus von innovativen Auseinandersetzungen, das nur über den Bruchteil eines Budgets wie die im Gespräch aufscheinenden Raumoptionen der „musealen Institution“ Luzerner Theater verfügt.
Als vorläufiges Fazit muss sich die freie Szene gemeinsam für den strukturellen Erhalt von Südpol, Theaterpavillon, Frigorex u.a. Kulturbrachen einsetzen, unter gleichzeitiger Würdigung des sichtbaren Engagements vom Luzerner Kleintheater.
Die Optionen erscheinen für das historische Haus an der Reuss zwischen Museum, Volkshaus und an einer Kulturgant dem meistbietenden Gönner anzubieten, mitsamt Werkstätten, Ensembles und sonstigem Inventar.
Falls das geplante Kultursammelsurium dann doch keinen Platz findet in der Salle Modulable, oder falls die Beliebigkeit von 9-10 Sparten gar kein Publikum mehr binden kann, ja dann suche und finde man die geeigneten spendablen Grossgönner, die dereinst alle Frührentner aus dem Luzerner Theater mitsamt Stiftungsrat aushalten können.
Die Luzerner Steuerzahler werden unter den rosig unwirksamen Planungswolken bald kein Verständnis mehr für überflüssige Kulturbatzen aufbringen und künftig wohl oder übel in neue Kulturstätten im kantonalen Ausland, wie z.B. nach Turicum oder Basilea pilgern.
Es braucht einen neuen Kulturkompromiss
In dieser Diskussion wird immer wieder die freie Theater- und Tanzszene angesprochen – wir melden uns zu Wort. Zuallererst möchten wir uns gegen den hämischen Vorwurf der städtischen Kulturchefin Rosie Bitterli zur Wehr setzen, wir hätten mit der Aktion „Gelbe Schuhe“ vom 13.11.09 unser eigenes Grab geschaufelt und gewissermassen mitgeholfen, das Luzerner Theater als Dreispartenhaus über Jahrzehnte hinweg zu zementieren. Heute wie damals wehren wir uns vor allem gegen den massiven Subventionsabbau auf Kosten des professionellen Theater- und Tanzschaffens in Luzern, der im städtischen Planungsbericht zur Salle Modulable vorgesehen ist. Und betonen wiederholt: Wir lassen uns nicht gegen das Luzerner Theater ausspielen. Aber mit keinem Ton haben wir damals den Erhalt der Sparten Schauspiel und Tanz am Luzerner Theater gefordert.
Klar ist Rosie Bitterli verärgert, wenn wir ihr verlockendes Angebot – das Sprechtheater und den Tanz dem Luzerner Theater wegzunehmen und uns zu überlassen – dankend ablehnen. Selbstverständlich würden wir die dafür in Aussicht gestellten Subventionen gerne annehmen. Doch haben wir diesem geschenkten Gaul ins Maul geschaut und festgestellt: Er ist eine Sparübung auf Kosten des professionellen Theater- und Tanzschaffens, damit die Salle Modulable finanzierbar wird. Laut Planungsbericht sollte der freien Szene für die „Grundversorgung“ in den Sparten Sprechtheater und Tanz maximal 1.5 Millionen Franken zur Verfügung stellen, also genau so viel, wie laut Direktor Dominique Mentha das Luzerner Theater minimal für Schauspiel und Tanz aufwendet. Der Anteil der beiden Sparten an den Fixkosten des Hauses sind dabei nicht eingerechnet, aber mit dem nassen Finger in der Luft kommt man schnell auf noch einmal 1.5 Millionen, d.h. bei Schauspiel und Tanz würde mindestens die Hälfte der Kosten eingespart. Und das können und wollen wir definitiv nicht unterstützen.
Es ist aber nicht so, dass wir die mit dem Planungsbericht angestossene Diskussion über die Luzerner Theaterlandschaft ablehnen – der Dreispartenbetrieb am Luzerner Theater ist für uns, wie mehrmals gesagt, keineswegs sakrosankt und schon gar nicht wollen wir den Beton liefern, um diese Situation zu zementieren. An der Diskussion vom Montag herrschte denn auch in einem Punkt ein unausgesprochener Konsens, nämlich dass die Luzerner Theaterlandschaft in zehn Jahren ziemlich anders aussehen sollte als heute. Wir fordern, dass der Theaterwerkplatz Luzern von Grund auf neu konzipiert wird, und bieten dafür auch Hand. Mit Nachdruck fordern wir deshalb einen Stopp in der Diskussion über die Salle Modulable und eine umfassende kulturpolitische Neuorientierung.
Auf keinen Fall darf die Salle Modulable auf Kosten der freien Szene und der anderen Kulturinstitutionen realisiert werden – es braucht dafür mehr Geld von der öffentlichen Hand, denn mit einer blossen Umverteilung von Subventionen ist der Betrieb eines solchen Hauses nicht finanzierbar. Wir teilen die Einschätzung von Christoph Fellmann, dass Stadt und Kanton nur zwei ehrliche Optionen haben: 1. Die Salle Modulable darf nicht mehr kosten. Dann muss man sich ernsthaft fragen, ob man sie überhaupt will. 2. Man will die Salle Modulable unbedingt. Dann muss man bereit sein, mehr Geld auszugeben.
Fazit: Für die Salle Modulable braucht es einen neuen Kulturkompromiss, der die Interessen der verschiedenen Anspruchsgruppen mit einbezieht und dafür sorgt, dass keine Interessensgruppen zu kurz kommen. Wir denken dabei nicht nur an die freien Theater- und Tanzschaffenden, sondern auch an jene Kulturschaffenden, die mit der Frigorex-Überbauung ihr Dach über dem Kopf verlieren.
Anmerkungen zu Ina Brueckels “nicht wahnsinnig produktiven grauen Montag”:
1. Das Luzerner Theater war sehr wohl eingeladen. Sonst hätte sich Dominique Mentha nicht offiziell entschuldigen können.
2. Unseren Anlass haben wir mit den Verantwortlichen des LT zusammen mit ihrem geplanten (aber abgesagten) Podiumsgespräch am Samstag 27. Februar koordiniert. Ausserdem haben wir bereits schon im Dezember 2009 angekündigt, dass ein “Theaterabend” im März stattfinden wird. Niemand vom LT kann also behaupten, nichts von unserer Diskussionsrunde gewusst zu haben.
3. Es war ein öffentlicher Anlass, ausgeschrieben und sogar in der NLZ angekündigt. Jede und jeder hätte auch ohne Einladung kommen dürfen. Falls Interesse vorhanden…
4. Danke Lisa Schilling und Kai Gladigau, dass immerhin Ihr gekommen seid.
Cathérine Huth, Geschäftsleiterin
Armin Meienberg, Präsident
Dieses andauernde Rosie-Bashing erscheint mir der doch reichlich billige Versuch, vom eigenen Versagen abzulenken. Zumindest mit ihrer Einschätzung zur Aktion mit den gelben Schuhen trifft Rosie doch genau ins Schwarze.
Sämtliche Medien (nicht nur die für ihre Inkompetenz bekannte Neue LZ), die überwiegende Mehrheit der interessierten BeobachterInnen und wohl auch ein schöner Teil der TeilnehmerInnen selbst interpretierte die Aktion als Protest gegen die Auslagerung der Schauspiel- und der Tanzsparte sowie als Forderung, den Dreispartenbetrieb zu erhalten. In genau diesem Sinne war auch die Interpretation von Michael Häfliger, dem mutmasslichen Urheber der Idee einer Konzentration auf das Musiktheater. Aufgrund der gelben Schuhe packte ihn die nackte Angst um seine Salle Madulable, und er gerierte sich kurz danach auf der Titelseite der Neuen LZ als Retter des Dreispartenhauses. Damit scheint der Dreispartenbetrieb in der Tat für lange Zeit zementiert worden zu sein.
Daran vermag auch die im Zusammenhang mit der Aktion veröffentlichte mehrseitige, differenzierte Stellungnahme der freien Theaterszene nichts zu ändern. Aufgrund ihres kommunikativen Versagens und ihrer ungenügenden Medienarbeit hat sie mit ihrer Aktion wohl das eingefahren, was man einen Pyrrhussieg nennt.
@ Stefan
Ich verstehe deine Einlassung nicht ganz. Du wirfst der freien Szene vor, mt dieser Aktion den Dreispartenbetrieb zementiert zu haben, sagst aber im gleichen Atemzug, es habe eine mehrseitige, differenzierte Stellungnahme gegeben, die dem widersprach? Dann versteigst du dich zu der Annahme, Häfliger habe wegen dieser einen Aktion derer ohne Macht das kalte Grausen gepackt – und nicht etwa weil die mächtigen Gönner des Luzerner Theaters intervenierten und es schnell ersichtlich war, dass der ominöse Bericht die Salle m. jeglicher Realisierungschance beraubte?
Das ist, finde ich, etwas gar viel der Ehre für die freie Szene und ein paar gelbe Schuhe.
Natürlich erschrak männiglich ob der Leichtigkeit, mit der man Tanz und Theater zu nichten beabsichtigte.
Aber du meinst tatsächlich, deswegen seien alle plötzlich des Lesens nicht mehr mächtig gewesen?
Zur Erinnerung hier die Einladung zu dieser Aktion im Wortlaut. Ich bitte dich um eine ausführlichere Erläuterung.
„Die Stunde der gelben Schuhe.“
Worum es geht: So wie im Stück „Der Besuch der alten Dame“ erhält Luzern ein verführerisch grosszügiges Geschenk, für das aber ein Verrat begangen werden muss. Das Opfer heisst „Sprechtheater“. Oder anders: Soll Luzern eine Patenstadt von Güllen werden?
Wir wollen mit dieser Aktion nicht die Salle Modulable bodigen. Aber wir wollen uns dagegen wehren, dass unbekannte Mäzene darüber entscheiden können, ob Luzern in Zukunft ein Sprechtheater (und ein Tanztheater) haben darf oder nicht:
- Wir wehren uns gegen den massiven finanziellen Subventionsabbau für das professionelle Theaterschaffen in Luzern.
- Wir wehren uns dagegen, dass das Freie Theater gegen das Luzerner Theater ausgespielt wird.
- Wir fordern eine Diskussion mit allen Direktbeteiligten, wie das Sprechtheater künftig in Luzern organisiert sein soll.
Darum rufen wir ALLE Kulturschaffenden und Kulturinteressierten aus ALLEN SPARTEN dazu auf, am nächsten Freitag möglichst viele gelb gestrichene Schuhe zum Stadthaus zu bringen. Dort, vor dem Haupteingang, soll aus den Schuhen eine prächtige Installation entstehen. Hinzu kommen natürlich Transparente und Kurz-Statements von verschiedenen Leuten.
Ich bestreite mitnichten, dass die Intention der freien Szene nicht die Zementierung des Dreispartenbetriebs war. Es ist ihr aber augenscheinlich nicht gelungen, ihre Anliegen in der Öffentlichkeit verständlich zu kommunizieren. So wurde die Aktion mit den gelben Schuhen halt tatsächlich beinahe flächendeckend als Forderung nach Erhalt des Dreispartenbetriebs gedeutet. Auch von Michael Häfliger, bei dem diese Aktion mit ihrer eindrücklichen Zahl an TeilnehmerInnen zweifellos die beschriebene Wirkung zeitigte (auch wenn ich selbstverständlich nicht Monokausalität unterstellen will), weil er sich bewusst ist, dass seine Salle Modulable noch eine Volksabstimmung zu überstehen hat. Und heutzutage scheinen sich die Mächtigen vor nichts mehr fürchten als der zunehmend unberechenbaren Stimmbevölkerung.
Klar jetzt?
der banausige theaterkonsument findet zu diesem stück hier: zu viel text, zu wenig handlung.
Na ja, den Einwand von Stefan finde ich haltlos. Wenn die Luzerner Theaterszene, die so etwas wie ehrenamtliches Herzblut kennt und sich mit Engagement für eine lebendige Theaterlandschaft einsetzt, nicht klar zu Zukunft des LT äussern darf, sondern vor einen völlig dürftigen Papier der Kulturabteilung kuschen soll, dann winken uns schöne Zeiten.
Der Bericht der Stadt (“Auf dem Weg zur SM”) ist dermassen schlecht und unausgegoren, dass hier ein Aktion zwingend notwendig war. Wie ernst diese im Bericht auftauchenden “Provokationen” sein sollten, hat sich gezeigt. Mittlerweile säuselt der Stadtrat schon wieder ganz anders.
Weniger Beamtengefusel, mehr Bodenhaftung, mehr ehrlich gemeinte Visionen, das würde der Sache gut tun. Wenn der Stadtrat nur mit Blick auf das Portemonnaie Kulturpolitik betreiben möchte, soll er bitte nicht wie ein kleiner Junge auf den ganz grossen Lastwagen schielen, für den reichts unter diesen Umständen nicht.
Die Grabträger der SM befinden sich in den eigenen Reihen: Unter anderem in der unbrauchbaren Kommunikation des Stadtrates und der Projektleitung. Oder in der mangelnden Einbindung interessierter Kreise. (Partizipation heisst das Zauberwort).
Spiel mit dem Feuer: Am 8. März wurden im Südpol von einem politisch nicht wenig einflussreichen „Luzifer“ auf Seiten des Subventionsgebers Kanton sehr populistische Töne angestimmt. Mit verklausulierten Formulierungen wurde unverhohlen, ja drohend, einer Neuverteilung der Finanzen das Wort geredet. Was diese „Neuverteilung“ in Zeiten der Geldknappheit für das sehr hoch subventionierte Luzerner Theater bedeuten würde, brauche ich niemandem zu erklären. Allzuschnell kam in vielen Städten Deutschlands und Österreichs in Zeiten der Geldnot der Ruf nach Abschaffung des Ensembletheaters zugunsten eines (vermeintlich billigeren) Gastspielbetriebs. Eine unglaublich tragische (und leider nicht umkehrbare) Entwicklung, denn Gastspiele präsentieren zumeist leblose Billigproduktionen, mit einem oder zwei zugkräftigen „Stars“ garniert. Ohne jede Beziehung zur Kultur der Region. Folge: enorme Verarmung einer Kulturregion – die es in Luzern unbedingt zu verhindern gilt!
Mit Verlaub, es redet doch hier niemand von einem reinen Gastspielbetrieb. Den will niemand, und wenn doch, gilt es ihn, wie Jean-Paul Anderhub schreibt, zu verhindern. Aber eigentlich geht es darum, wie hoch das Budget ist, das es in Luzern für die Produktion – für die Produktion! – von professionellem Theater gibt, und wie es verteilt wird. Und da gibt es eben auch andere denkbare und denkwürdige Modelle als einen Stadttheaterbetrieb mit seinen Ensembles.
hey leute.
vergesst die musikstadt. luzern wird jetzt nämlich eine filmstadt.
so ist es. tatort, wetten dass, rose d’or und wetten s’kommt ein häfliger, der die oscars in eine salle d’oscar holen will.
geil. noch einen glaskasten bauen. jupiii…
Na, das ist ja wohl mal lustiger Spam (obiger Kommentar). Wir belassen ihn trotz sehr zweifelhaftem Englisch, vielleicht will ja die Stadt die Hilfe der Firma in Anspruch nehmen.