The Grace in the Neverland
Graziös war sie – die Elvis Nite im Niemandsland. Lokale, nationale und ein soeben aus Asien eingeflogener Polar gaben sich, vor einem überlebensgrossen Portrait des Rock’n'Roll-Übermenschen, die Ehre, den King zu zelebrieren. Immer wieder anders, stets spannend und würdig. Das Ganze findet heute (Samstag) nochmal statt (20.30 Uhr, Zwischenbühne Horw) – also alle Termine absagen und nix wie hin, rät der Rock’n'Roll-Underdog.
Von Pablo Elvis-Costello-lebt-halt-noch-ätsch-pätsch Haller1935 ist ein guter Jahrgang. Neben Jürgen Ploog und Ira Cohen – die auch wirklich in den Genuss kamen – hätte auch Elvis Aron Presley im Januar dieses Jahres seinen 75. Geburtstag feiern können – unabhängig davon, was die gute Frau Muscionico in der Weltwoche zusammenschrieb. Da er aber gestorben ist oder von Ausserirdischen entführt und für dubiose Experimente in den Laboratorien eines gewissen Dr. Benway verwendet wurde, ist ihm das nicht vergönnt. Anyway. Die Party, die am 8.1. nicht stieg wurde gestern in Horw nachgefeiert.
Ein einsamer Sänger betritt die Bühne mit einer akustischen Gitarre in den Händen. Es sind die ersten Akkorde von «Graceland», die Stefan Christen ins Publikum schallen lässt, um mit einer solid-verträumten Darbietung des Songs aufzuwarten. Dann der Moderator. Hiess er jetzt Süss, Hinz oder Kunz? Da konnte mir niemand so recht nachhelfen. (Sachdienliche Informationen bitte an die Redaktion.) Es sei jedoch bekannt, wusste man zu erzählen, dass er beim Radio sei und die meisten Off-Beiträge des Schweizer Fernsehens spräche. Im Gegensatz zu anderen Anlässen – lassen wir das! – gibt es diesmal ob der Moderation absolut nichts zu mäkeln. Die Geschichten zwischen den Songs, mit denen Elvis und die Biographie der Künstler verknüpft werden, sind süffig wie ein guter Tropfen zu einem ausgezeichneten Mahl.
Der nächste Bissen wären dann 7 Dollar Taxi mit schmissigen Interpretationen von «Too Much» und «I was the One», bevor Tom Krailing – den ich letztes Jahr nicht gut habe wegkommen lassen und dessen Interpretation von «Had me a Girl» mir nun zur (gerechten) Strafe seit einem Jahr hinterherläuft – zu einem entschmalzten «Love me Tender» und einem zuckersüssen «Don’t» ansetzt. Was darauf folgt, muss direkt aus der Hexenküche des Teufels stammen. Baumgartner-Gsell-Lienert-Müller-Troxler bringen ihre Nummern mit grossem technischen Können und Inspiration. Ob das noisige «Devil in Disguise» oder «Falling in Love» im Säuselton. Passt!
Was schon Pause? Na dann halt. Bier holen, rumstehen, quatschen, Zeit verstreichen lassen.
Die zweite Halbzeit hat für mich persönlich zwei Höhepunkte: Zum Ersten Bonjour Madames –selbstverständlich wie immer von Christov Rolla – eingedeutschte Interpretationen. Besonders: «Grand Hotel zum gebrochnen Herz». Zum Zweiten Polars poetisches «Blue Moon» (mit Stimmloops, verträumten Klangteppichen). Chris Wickys Sad Riders sind für einmal zuhause geblieben und er lässt Las Vegas solo hochleben.
Das von Fred Rose geschriebene «Blue Eyes Crying in the Rain» war der letzte Song, den Elvis auf seinem Piano klimperte, bevor das UFO startete. Mit «Blue Eyes Chrying in the Rain» wird auch die Nite in der Zwischenbühne beendet. Richi Koechli, der wenige Stunden zuvor im Kleintheater gespielt hat, fährt noch mal sein ganzes Können auf für den finalen Schuss.
Kategorie: Musik | Tags: elvis presley, nite, zwischenbühne 4 Kommentare »

Hats dem Haller denn gefallen? Ich fands ganz furchtbar öd. All dieses endlose Singer/Songwriter-Genöle, all diese weinerlichen Kerle mit ihren akustischen Gitarren!
Natürlich, da waren die Jazzer, die haben geübt (und haben einen unerhört originellen Bandnamen, seufz), da war die gewohnt superbe Feldmusik mit eigenständigen Arrangements und viel musikalischem Witz, da waren Seven Dollar Taxi, die endlich etwas Rock ’n’ Roll auf die Bühne brachten, da wäre Isa Wiss gewesen, die ich leider verpasste, da zu spät. Aber sonst? Nicht mal Coal nahm seine Band mit, dabei wäre die prädestiniert gewesen, Elvis’ Honkytonk-Wurzeln zum Swingen zu bringen.
Stattdessen all die Nölanten, die jeden Song auf gefühlte drei Stunden dehnten, alle identisches musikalisches Lingo darboten und die Lieder derart verunstalteten, dass man sie nur noch erkennen konnte, wenn im Refrain der Titel genannt wurde. Hercolani! Elvis war ein Meister der Dynamik und des Timings, seine Songs dauerten kaum je länger als drei Minuten und waren immer superb arrangiert!
Als dann noch der eine Kerl “Fever” zehn Minuten lang folterte und den Titel, der sich doch durch die charakteristische Perkussivität auszeichnet, jegliches Rhythmus beraubte und ihn dafür mit einer manieristischen Larmoyanz voll stopfte, dass man blitzartig Ekzem auf den Trommelfellen bekam, hätte ich am liebsten die Bühne gestürmt und ihm die Klampfe um die Ohren gehauen. Und damit war ich weissgott nicht allein.
Elvis ist Rock ’n’ Roll, Sex und Charme. Davon war bei all den Kerlen wenig zu spüren. Hingegen hatte ich gleichwohl einen wundervollen Abend; ich sass im Foyer und führte interessante Gespräche mit ebensolchen Menschen – man kommt mit wenigem so leicht in Dialog wie mit geteilten Fantasien von brennenden Akustikklampfen und Introspektionslangweilern am Marterpfahl.
der haller ist ein sonderbarer mensch. hat er letztes jahr nach der tom waits nite das fehlen von dirt und biss über lange strecken bemängelt, passte ihm das (zitat pirelli) “singer/songwriter-genöle” dieses jahr sehr gut ins konzept. zu den würzigen elementen des abends (wurden im text genannt) fügten sich auch die eher introvertierten darbietungen wunderprächtig in den melancholischen winterabend ein. von dem her, um deine frage endlich zu beantworten, ja, dem haller hat`s gefallen…
(auch wenn er dafür die auftritte von dj pirelli & dj jim schwänzen musste, was ein kleiner wehmutstropfen war…)
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