Noch mehr Meer, aber auch Jazz

Die Fahrt geht die ganze Woche am Südpol vorbei noch weiter südlich. Der letzte Tag der heurigen Stanser Musiktage steht an. Noch aber gibt es von Vergangenem zu berichten. Tag 5 und 6 im lückenvollen Rapport.

Von Urs Hangartner

Apropos Meer: Im Weltmusikzelt, das vor vielen Jahren, als dort noch Bands wie Van spielten, erheblich kleiner war, herrscht inzwischen Stadionrockstimmung. Es ist halt, Wandel der Zeit, eine andere Gemütlichkeit, die hier Einzug gehalten hat. Hinten ist der Plauderpegel hoch, vorne dröhnt es tüchtig. Wie am Donnerstag bei Männer am Meer, eine Berner Truppe mit jüngst drittem Album («Mit Absicht»), die ab Platte abwechslungsreich tönt: Live machen sie’s vielköpfig und mit Doppelgesang erfrischend gut und beweisen Grossbühnentauglichkeit.

Kollegisaal: Sie kommen aus Lissabon, und mit Portugal wird musikalisch schnell einmal  «Achtung, Melancholie!» assoziiert. Muss aber nicht sein. Und wie Introduktionist Kutti MC richtig bemerkt, kann in diesem Fall der literarische Chef-Melancholiker Fernando Pessoa (der mit dem einst modischen «Buch der Unruhe») in die Ferien geschickt werden (aussprachlicher Hinweis am Rande: man sagt «Pschooa»). Genau, OqueStrada spielen auf, die all die Vorurteile Lügen strafen, dass nämlich nicht auch lüpfige und beschwingte Sounds aus Portugal kommen können samt Nicht-Depro-Versionen von Fado. Auffälligkeit: Zum Einsatz gelangt bei OqueStrada ein Waschzuberbass (Wannen-Resonanzkörper, Holzstiel und gespannte Schnur – bitte nachbasteln).

Das Police-Stück habe ich nicht erkannt. Ein nachträgliches «Aha!», als Weltspitzen-Drummer Omar Hakim in der Zwischenansage den soeben gespielten Titel verrät. Wir haben uns Jazz angetan im Theater an der Mürg, aber es war gar nicht schlimm und hat überhaupt nicht weh getan. Das Trio of Oz aus New York ist hocherfreut und sympathisch danken sie von der Bühne herab allen sie Betreuenden in Stans. Um im Musikalischen als eingefleischte Jazzer in fremden Gärten zu grasen. Omar Hakim, der Drummer, Rachel Z am Flügel und Solomon Dorsey am Kontrabass bringen Sachen der Fusion-Jazzer Weather Report (wo Hakim einst spielte), aber auch Coldplay kommen an die Reihe, dazu Stone Temple Pilots oder Sting (mit dem Hakim einst spielte). Eindrücklicher Druck-Jazz ohne die sonst in Jazz-Gefilden viel verbreiteten kopfigen Rock-Adaptionen.

Hier wiederum hätte es etwas lauter sein können: In der Pfarrkirche St. Peter und Paul gibt’s das Projekt «Mistico Mediterraneo». Bandoneon-Spieler Daniele Di Bonaventura installiert sich rechterhand, das korsische Vokal-Ensemble A Filetta stellt sich bereit, und vom Mittelgang ertönt die Trompete des nach vorne schreitenden Paolo Fresu (Sardinien). Das alles ist schlicht berückend, wie sich so unangestrengt die polyphone Gesangskunst mit den Instrumenten funsioniert. Nur eben, wieder Fremdwort: klangtechnisch etwas suboptimal. Geht vielleicht nicht anders im grossen Kirchenraum.

So haben wir die Globalisierung gern: Wenn Belgier und Marokkaner zusammenkommen und unter dem Programmtitel «A Balkan Brass Band Goes Arab» die Musiken verschmelzen, das Balkanische mit Orientalischem und Maghrebinischem. Va Fan Fahre treten am Freitag im Kollegisaal an mit viel Gebläse (darunter in den Tiefen Helikon und Tuba) und auch Vintage-Tasten. Und inmitten des einfahrenden Volkstümlichen kann ein Sax oder eine Trompete das Ganze schon mal ins Jazzige lampen lassen. Schön, dass auch Äthiopien mit im Spiel ist (es erinnert an den letztjährigen Auftritt des Genfer Imperial Tiger Orchestra). Visuals hat es auch: Dias zeigen das jeweilige Musikland an. Ein Name zum Sich-Merken – und die CD «Al’Wa Debt» kaufen gehen.

Wir schauen noch im Jazzpavillon vorbei, wo Uschan Delucca (Innerschweiz) zugange sind. Jazz, der rockig ausfahren kann, «Nord»-Keyboard, E-Bass, Drums und E-Gitarre. Angesagt mit dem Hinweis, es könnte schon bisweilen laut werden, Oropax gibt’s am Eingang. Im Weltmusikzelt verpassen wir gestern Sebass nicht. Die Ansagen sind in Mundart, die Band ist ja auch aus Winti. Was sie drauf haben, sind unterhaltende handgemachte Balkanbeats mit Akkordeon, Geige, Gitarre, Perkussion, Posaune und Gesang. Vorne wackeln sie wie wild.

Ich habe fertig jetzt.

 

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