Ob Moll, ob Dur, der Tod bleibt stur

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Verzeihen Sie den Reim, ich bin bloss so beschwingt von der gestrigen Erstaufführung im Theater Pavillon von «Es sei strengstens untersagt, auf dem Friedhof zu kegeln». Wie da der Chor Integral die Kompositionen von Christov Rolla (der auch mitsang und Harmonium spielte) auf diverse Texte zum Tod – von Rilke über von Wolkenstein bis hin zum Berner Totentanz – aufführte, das war schlicht grossartig. Und nebenbei lag Max Christian Graeff schon mal im Sarg probe.

Von Patrick Hegglin

Etwas ganz Anderes zum Anfang: Es ist wohl an der Zeit, endlich einmal die Damen und Herren an den diversen Kassen bei unseren vielen Veranstaltungen zu würdigen, die immer mit sich reden lassen, wenn man mal wieder nicht angemeldet ist. Ich weiss das sehr zu schätzen, merci!

Zum Thema: Die Kombination Graeff/Rolla ist eine bewährte. Seit diesem Jahr klimpert Rolla bei den Morlocks mit, wo Graeff bekanntlich den MC gibt, und als Duo gibt es die beiden ebenfalls. Canaille de Jour nennt man sich da und widmet sich der merkwürdigen Seite des Chanson. Habe den Auftritt im Treibhaus damals zwar glorreich vergessen und bin bei der Buvette pünktlich für die letzten 30 Sekunden angetrabt, darf man aber dem glauben, was man so sagen hört, dann soll das Ganze ausserordentlich hörenswert sein.

Und ausserordentlich hörenswert sind auch die Lieder in «Es sei strengstens untersagt, auf dem Friedhof zu kegeln». Der umtriebige Christov Rolla ist für mich, seit ich zum ersten Mal sein «Ich esse nur Fleisch und Gemüse» aus dem gleichnamigen Stück von 2005 gehört habe (glücklicherweise auf des Mannes Website zu finden), ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Und dabei bleibt es. Die Lieder, die er da für seinen Männerchor Integral (hier als Chor der Vonunsgegangenen) komponiert hat, die überzeugen auf der ganzen Linie. Entweder a cappella vorgetragen oder von Rolla am Harmonium begleitet, mal gross angelegt und mal beschwingt, aber immer eindrücklich. Auch dank dem wunderbaren Chor (besonders angetan hat es mir der Mann mit dem tiefen Bass ganz links in der Aufstellung). Und bei der Vertonung des Berner Totentanzes ist man beinahe schon geneigt, zu kalauern und etwas von Ohrwürmern und Leichen zu schreiben.

Apropos Leichen: Max Christian Graeff kontrastierte das gesungene Wort immer wieder mit dem gesprochenen und las dabei vor allem aus einem Buch, das – wenn ich mich recht entsinne – «Stielten» hiess und saukomisch war. Dabei ging es in erster Linie um einen Lehrer und den Totengräber Wiederkehr. Für Hinweise wäre ich sehr dankbar, es ist nämlich rein gar nichts über das Werk herauszufinden. Graeff, der ja mit seinem Stimmorgan ohnehin der geborene Erzähler ist, kuschelte sich dabei (darf man sagen: schon mal?) in seinen Yamaha-Karton-Sarg. Und einmal durfte er auch mitsingen, und gefiel als Gevatter Tod bei dem Stück, das vermutlich «Es ging ein Jungfrau zarte» war, sehr.

«Es sei strengstens untersagt, auf dem Friedhof zu kegeln» wird bis zum 16.12 noch dreimal aufgeführt und sei jedem wärmstens ans Herz gelegt, egal ob man sich normalerweise für Chorales begeistern kann. Nicht nur, weil es – neben dem Lesen des mysteriösen Buches – die einzige Möglichkeit ist, zu erfahren, was es mit dem Titel auf sich hat.

Abschliessende Anekdote: Wie man nach dem Stück draussen vernehmen konnte, war tatsächlich ein Bestatter im Publikum anwesend, der dann auch prompt angeklingelt wurde, da er an diesem Abend auf Pikett war. Und treffend analysierte: Das Stück habe ihm gefallen. Man müsse nicht immer alles so ernst nehmen.

Bis 16. Dezember, Theaterpavillon Luzern

Kategorie: Musik, Wort | Tags: , , 6 Kommentare »

 

6 Kommentare zu “Ob Moll, ob Dur, der Tod bleibt stur”

  1. Graeff

    Danke für die Blumen! Fussnoten: Ja, der Hinweis auf die Romanauszüge ist im schönen Programmheftchen versehentlich zu kurz gekommen. Für jene, die es interessiert: Es handelt sich um Hermann Burgers Roman SCHILTEN. 1976 erschienen, seit 2008 bei Nagel & Kimche (Zürich) wieder lieferbar.

    Und das Stück, bei dem ich mitbrummeln durfte, ist die Vertonung von „Der Tod und das Mädchen im Blumengarten“, verfasst von Clemens Brentano, der im Jahre 1842 in Aschaffenburg an Schwermut und Krankheit starb.

    Klappentext Schilten:
    „Unter dem Künstlernamen Armin Schildknecht arbeitet der 30-jährige Peter Stirner im abgelegenen Dorf Schilten im Kanton Aargau als Lehrer. Allerdings unterrichtet er längst nicht mehr das, was der Lehrplan vorsieht. Der nahe gelegene Friedhof bestimmt das Thema: Todeskunde. In seinem Debüt von 1976, einem der wichtigsten Romane der Nachkriegszeit in der Schweiz und nun in der Kollektion endlich wieder zugänglich, zeichnet Hermann Burger minutiös eine Obsession und dabei so subtil wie gnadenlos die Psyche eines ganzen Landes.“

  2. patrick

    Besten Dank für den Hinweis, bzw. die Richtigstellung, Herr Graeff.
    Stielten, wie kommt man denn auf sowas?

    Übrigens auch an Herrn Rolla, der mir beides heute mitteilte, obwohl es absolut legitim gewesen wäre, selbst einen Kommentar zu verfassen (siehe oben)

    Jetzt gilt es nur noch das Buch aufzutreiben.

  3. Rolla

    Very well, dann gern auch hier: Ein schönes, ein sehr schönes Ansinnen, das Buch aufzutreiben! Es ist das vielleicht beste Buch von der ganzen Welt, oder zumindest des Aargaus. Ein Wunderwerk! (Es ist nach wie vor nicht zu fassen, dass jemand das gesamte erste Kapitel seines Debütromans mit nichts als der Beschreibung einer Turnhalle zubringen kann – dieweil man, lesend, bei jedem einzelnen Satz vor Entzücken bald zerbirst.)

    Abgesehen davon: Siehe Graeff, oder dann, blumentechnisch, Udo Jürgens.

  4. Christoph

    Und nachdem jetzt alles geklärt ist, würde ich nur noch eines gerne wissen: Wird der morbide Kegelabend – bitte, bitte!!! – auch nach dem 16.12., zum Beispiel also im nächsten Jahr, auch nochmals gespielt? I’d be there.

  5. Rolla

    Howdy, Namensvetter! Danke für dein Interesse. Wir tragen zwar tatsächlich scheue Gedanken an eine eventuelle Wiederaufnahme mit uns herum, aber das ist weder spruchreif noch gewiss. Etwaige Folgekonzerte in Beinhäusern, Hochzeitskapellen oder finsteren Verliessen würde aber auf unserer (oben verlinkten) Homepage angekündigt (wo es auch einen Newsletterabofunktion gibt). Herzlich, C.R.

  6. André

    schilten ist auch eines meiner lieblingsbücher.
    und ich glaube das einzige, das ich 2x gelesen habe.
    logeverweser a.


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