Return of the Black Rider – Grey Mole an der Industriestrasse

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Grey Mole, die Combo des unvergleichlichen Blind Banjo Aregger, ist Monatsband im Café Kairo zu Bern. Ein Riesenglück auch für Luzern, findet Pirelli.

Von Sam Pirelli

Ach, was haben wir auf diesen Seiten nicht schon geschwärmt für Grey Mole und Blind Banjo Aregger – zum Beispiel so: «Grey Mole spielen melancholische, über weite Strecken durchaus süd-US-amerikanisch angehauchte Musik, die in ihren stärksten Momenten so klingt, als ob Tom Waits mit Calexico ein uneheliches Kind gezeugt hätte, bei dem Sandy Dillon als Hebamme zur Hand war. Mit einem grossen Instrumentarium, das von Klavier, Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug über den erwähnten Bläsersatz und eine wilde Bassklarinette bis hin zu Lap Steel und Glockenspiel reicht, erzeugen sie dabei eine wolkenverhangene Präriestimmung, wie man sie von einheimischem Gewächs kaum je vernommen hat. Die Kompositionen sind dabei vielseitig und sorgfältig austariert, die Arrangements stimmig und von einer wunderbar subtilen Dynamik. Die Band bedient sich vieler musikalischer Klischees, die fröhlich gemischt werden …»

Nun, den Bläsersatz, The Dead Sailors, hatten sie an der Industriestrasse, dem zurzeit schlicht tollsten Konzertlokal der Stadt, nicht dabei, ja, es war nicht mal ein reines Grey-Mole-Konzert – doch von Anfang an: Grey Mole ist im Februar die Monatsband im Berner Café Kairo, was den Mannen um Blind Banjo Aregger die Pflicht auferlegt, an vier aufeinander folgenden Freitagen je etwas Neues oder zumindest anderes zu bieten. Verdankenswertweise hat man sich dazu entschieden, damit jeweils am Tag darauf auch die Heimatstadt zu beglücken – danke Kairo, danke Grey Mole! Das zweite Konzert dieses Minifestivals fand nun an der Industriestrasse statt, die Affiche lautete: Grey Mole und Oklahoma Butcher und Blind Banjo Aregger. Butcher und Blind Banjo eröffneten schon unlängst in der Jazzkantine das Konzert von Howe Gelb (Giant Sand), der mich – unter uns, psst! – deshalb grad noch mehr langweilte, er stank richtig ab nach den beiden.

Blind Banjo und Butcher sind im Duo wie Grey Mole reduced to the max, die Sonne brennt vom Himmel, der Wind weht einem Staub in die Nase; und gerade, als es einem in süssem Kauboitum zu wohl wird, folgt eine wilde, laute Improsession, Blind Banjo brüllt wie der Frontmann einer versoffenen Death-Metal-Band, bläst einem den Staub von den Stiefeln und den John Wayne aus den Gehörgängen. Dabei ist die Musik nie so brachial wie zum Beispiel bei den White Stripes oder, bhüetisgott, den Failed Teachers, ihres Zeichens auch legendäre Duos von Stimme/Gitarre und Schlagzeug. Nein, nein, was der Butcher und Blind Banjo abliefern, ist bei aller vordergründigen Bodenständigkeit von hintersinniger Durchdachtheit.

Das hat nur schon mit dem Einsatz der Instrumente zu tun: Blind Banjo ist ein herausragender Dreifingerpicker von sehr eigenständiger Musikalität, der Butcher ein dito begeisternder Schlagzeuger, der sich aber nicht nur aufs Trommeln beschränkt, sondern häufig die Gitarrensounds von Blind Banjo live sampelt, verfremdet und rhythmisch oder arg störend wieder einwirft, angespielt über einen Marshall-Transistor-Kombo. Die Auswahl der Sounds und das Suchen des Rhythmus erfolgen dabei nicht über Kopfhörer, sondern über das PA, also coram publico, was den Verfremdungseffekt potenziert. Dabei spielt er mit der linken Hand und den Füssen unbeirrt weiter Schlagzeug – Stetson ab vor dieser Unabhängigkeit! Dann wieder bearbeitet er das Schlagzeug oder eine darauf platzierte Minigitarre mit dem Cellobogen und stellt überhaupt allerlei Wildes an. Ein Genuss, musikalisch wie optisch.

Möglich wird dies, weil Blind Banjo, wie gesagt, durch seine Pickingtechnik eine grandiose Sounddichte erreicht. Dabei schlägt er sehr sanft und diszipliniert an, wodurch er seinen Amp (für die, die solches interessiert, es ist ein 1×12-Fender-De-Luxe) sehr laut einstellen, also die Röhren zum Kochen bringen kann – so verfügt der Picker über ungemein grosse Dynamik- und Klangvarianz, nur schon eine ein wenig stärker angeschlagene Saite schneidet durch den Raum wie der Schuss, mit dem John Wayne Liberty Valance erlegte. Und Blind Banjo schöpft diese Möglichkeiten mit spielerischer Leichtigkeit aus, nicht nur auf der Gitarre, sondern standesgemäss auch auf dem Banjo.

Damit kontrastiert aufs Schönste die eher spröde Stimme, er nimmt sie, ausser in den angesprochenen Schreipartien («I’M SO HAPPY!!!»), immer zurück, was bei grossspurigen Texten wie «I’m the black rider» zu ziemlicher Komik führt. Überhaupt diese Texte: Grauenhafter als sie ist eigentlich nur noch Blind Banjos Akzent, was in der Kombination in einer eigenartigen Koketterie mit seltsamer Bescheidenheit resultiert. Textliche Antiperlen wie «I know it isn’t true // But it hurts to see you // And to hear you, too» setzen einen eigentümlichen Kontrapunkt zu der grossartigen Musik; das heisst, eigentlich transzendieren sie diese und führen einen auf eine ganz neue Ebene voller grossem Humor. Zu dieser berechnet eingesetzten Komik tragen natürlich Blind Banjos stets lakonische Ansagen das Ihre bei – ein Genuss.

Am Konzert an der Industriestrasse wechselten sich die Duomomente mit Liedern in voller Besetzung ab, Philipp Z’Rotz spielte dann Klarinette, Bassklarinette, Mundharmonika, und Glockenspiel (sehr schön über ein Delay) und Adi Rohner Kontrabass und Lap Steel. Allesamt Musiker von höchster Qualität, die unzählige Stunden aufgewendet haben, ihr Zusammenspiel zu verfeinern – zum grossen Ergötzen der hingerissenen Zuhörerschaft. Satt Rohners Basslines, wunderbar ergänzt und kontrastiert von der perkussiv gespielten Klarinette, rhythmisch untermauert von Butchers Drums und auf einen köstlichen Teppich gelegt von Blind Banjos flinken Zupffingern – ein wahres, grosses Glück. Und ein Glück, das man sich noch einmal antun kann – und soll! – diesen Monat: Grey Mole tritt nächsten Sonntag, 20. Februar, mit der sagenhaften Lonna Kelley in der Gewerbehalle auf. Hingehen!

Kategorie: Musik, Nachtleben | Tags: , , , , , , Ein Kommentar »

 

Ein Kommentar zu “Return of the Black Rider – Grey Mole an der Industriestrasse”

  1. Marvin Lee

    If the legend becomes fact, print the legend! Angesichts des Geschriebenen sowie auch Gelesenen muss hier ja just eine Deckungsgleichheit des Faktischem mit dem Legendären schwer vermutet werden: Grey Mole & Co. sind legendär und es ist wahr. Also ab in die Gewerbehalle, soll es auch Sonntag sein. Ransom Stoddard und Tom Doniphon würden gut ins Publikum passen. Apropos: Jeff Bridges spielt in «True Grit» seinen Rooster besser als weiland John Wayne.


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