Die Kugeln und der Teufel

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Luzerner Theater, 17.10.2014: Das Stück «The Black Rider, The Casting of the Magic Bullets» von William S. Burroughs, Tom Waits und Robert Wilson lädt das Publikum ein, dem Teufel über die Schulter zu schauen.

Von Noemi Wyrsch (Fotos: Ingo Höhn)

Wir werden empfangen von Stelzfuss, der Teufelin. Sie wartet schon, als wir reinkommen, dann werden wir begrüsst von Tom Waits‘ Klängen und merken bald: Stelzfuss lenkt alles, sie leitet sogar das Orchester und sie (ver-)führt uns. Glaubt mir, meine Begleitung hätte ihr die Seele noch hinterhergeworfen. Sie spielt «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann» mit dem Ensemble, und in drei Sprachen werden wir mitten in das Stück über den Pakt mit dem Teufel geworfen.

 

Come along with the Black rider

We’ll have a gay old Time!

 

Eine alte Geschichte

Um es weiterhin mit Tom Waits auszudrücken, you know the story, here it comes again:

Käthchen, die Tochter des Jägers Bertram, die will den Wilhelm heiraten, doch der kann nicht schiessen. Aber der Robert, der könnt’s. Jetzt – Oh Wilhelm, lerne jagen! – muss um die Ehe gekämpft werden. Schon zu Beginn schwebt Georg über der Szenerie, eine Gestalt der Vergangenheit. Mittig umgeben von weissem Licht, steht er meist unbeweglich da, und mahnt: Denn er hat das Land nur dank seiner Treffsicherheit mit dem Gewehr vom Herzog bekommen – wer von da an Erben will, muss seine Zielgenauigkeit beweisen. Wilhelm, der Schreiberling, kann diese Probe unmöglich bestehen. Doch Stelzfuss weiss Hilfe:

 

You must have just the right bullets

And the first one’s always free

 

Die Magic Bullets fliegen auf die Bühne: selbst halb in der Schusslinie, hechtet Wilhelm nach den glücksverheissenden Kugeln, und erlangt dank diesen die ersehnten Schiesskünste, welche sogleich im Wald ausprobiert werden. Wobei diese Jägerkulisse nie dargestellt wird. Weil keinerlei naturgetreue Abbildungen verwendet werden, haben die Emotionen der Figuren viel mehr Platz und die Bühne wird angefüllt mit Ängsten und Zweifeln, die umherschiessenden Kugeln blitzen nackt und unheilverkündend. Gefühle werden sichtbar, das Bühnenbild bleibt abstrakt und gewährt Einsicht in die technische Welt des Theaters, wobei manchmal die Magie des Raumes ein wenig verloren geht. Der Zuschauer ist gefordert, er muss trotzdem bei der Geschichte bleiben.

Dank Wilhelms plötzlicher Treffsicherheit kann die Hochzeit geplant werden. Währenddessen erklingt weiterhin die Musik von Tom Waits, Daniel Perrin hat als musikalischer Leiter wahrlich gute Arbeit geleistet. Tom-Waits-Fans kommen auf ihre Kosten, der dreckige Underdog-Sound kommt whiskeygetränkt und nikotinverseucht daher, der ganze Dreck dieses Cocktails gelingt sehr gut.

Es kommt, wies kommen muss: Die Geschichte beginnt hochzukochen, denn Wilhelm hat seine Munition wie im Wahn verschossen, ist abhängig geworden, wahrlich süchtig und ihm geht der Stoff, beziehungsweise die Munition aus. Diese Gefühle der Panik, der Zweifel und Ängste werden ausgekostet und wunderbar inszeniert. Im Lichtgewitter windet sich Wilhelm, als wäre er auf Entzug, die Wucht der Emotionen drückt einen tief in die Sessel. Stelzfuss erscheint. Neue Kugeln kosten aber, jetzt wird der Preis, der ein jeder zu bezahlen hat, eingefordert. Beim grossen Probeschiessen um die Braut und die Erbschaft verspricht die verführerische Teufelin: Sechs der Kugeln gehören dir, doch die letzte lenke ich.

(Sehn-)Sucht

Da die Geschichte in sich einfach und simpel ist, altbekannt der Pakt mit dem Teufel, das vergebliche Freiern und die Sturheit der Väter, sind das Inszenierungsteam und der Regisseur Andreas Herrmann gefordert, sie müssen das Publikum über Emotionen bei der Stange halten. Und sie versuchen, den Dreck von Burroughs und Waits in das saubere Städtchen Luzern bringen. Es wird nicht gezögert, Abgründe aufzutun und provokativ den nackten Arsch zu zeigen. Tom Waits hätt’s gefallen, diese Emotionen und der Arsch.

Gemütlich im Sessel, wird man an seine eigene Sucht, an seine eigenen Sehnsüchte und den daran haftenden Dreck gemahnt.

Weitere Aufführungen vom 19. Oktober – 22. Februar 2015.

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