Ertrinken in einem Meer von Frauenstimmen

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Bild: Tanja DorendorferLuzerner Theater, 11.01.2014: Das Luzerner Theater spielt die „Zauberoper“ „Alcina“ von Georg Friedrich Händel. So viel glücklichstes Gelingen war in dem Hause schon lange nicht mehr. Die Inszenierung ist ein Triumph des Regieteams um Nadja Loschky und des grossartigen Sängerensembles rund um die herausragende Protagonistin Jutta Maria Böhnert. Wer Händel, Barock, Gesang liebt, wird das Theater vollkommen besoffen verlassen.

Von Peter Bitterli

Im Zentrum steht ein Herz. Ein rotes zwar, aber nicht ein kitschig stilisiertes mit einem Spitz unten und zwei netten Halbkreisen oben, sondern ein richtiges biologisches Herz, ein glitschiges Stück Muskelfleisch, an dem Blut klebt und aus welchem Adern ragen. Damit ist das Thema gesetzt und der Grundton des dreistündigen Abends vorgegeben. Es geht um reale Menschen, um Existenz, um Gefühle, um die Substanz, um Schmerz auch, um Schutzlosigkeit und Ausgeliefertsein, um Liebe, aber – und das suggeriert das blutige Stück Körper ebenso – auch um Krieg, Tod und Gemetzel. Von diesem zerfetzten, aber in einem Glasbehälter bewahrten Herzen gehen offenbar die Kraft und der Puls aus, mithilfe derer die Liebeszauberin Alcina inmitten der brutalen Welt einer stumpfen Soldateska mit ihren triumphmarschierenden Idealen ihr illusionäres Gegenreich der Freiheit, Menschlichkeit und Liebe am Leben erhält. Von plattgrünlichen Pazifismusidealen und Friede, Freude, Eierkuchen ist das ebenso weit entfernt wie von einer gefühligen Kleinmädchenphilosophie aus dem Land, wohin unser Herz uns trägt. Dazu ist die Aussenwelt rund um Alcinas Gegenreich zu düster und dieses selber zu gefährdet, dazu hat Händels Musik viel zu viel Substanz, dazu passt nicht der nackte blutige Fleischfetzen, dafür bleibt der Schluss zu verzweifelt offen.

Spiegelkabinett

Rund um das gefährdete Organ hat sich Alcina einen anfänglich schwarzen, scheinbar undurchdringlichen Kubus gebaut, der sich dann bald einmal dreht, öffnet, schliesst und verwandelt, je nachdem, ob uns die grosse Verführerin gerade ihr Reich zeigen oder verbergen will. Da öffnen sich Fenster und Wände, da erscheinen Spiegel, mithilfe derer sich die Zauberinsel in ein verwirrliches Kabinett verwandelt, in welchem plötzlich ganz andere Realitäten aufscheinen als die, die man eben noch für wahr und gefestigt gehalten hat. Mal sind das falsche, mal halbbewusste, mal erschreckend wahre Gegenwelten, mit denen sich der Mensch konfrontiert sieht, der da in Bild und Spiegel und Bild im Spiegel schaut. Gesichter verfliessen in andere, Fernes rückt nahe, Nahes erscheint fern. Einige Bilder erinnern an die berühmte Gesichter-Ueberblendung in „Persona“ von Ingmar Bergmann. In ihrem schillernden Spiegel-Kubus steht zu Beginn die prachtvoll herausgeputzte Alcina im Kreise ihrer Verehrer. Manche Rätsel ihres Reiches bleiben uns bis am Schluss verborgen und unverständlich. Sie selber wird im Verlaufe des Abends aus ihrer Zauberwelt vertrieben und von der eindringenden Soldateska gedemütigt. Nur in Alcinas Welt aber war Licht.

Nadja Loschky erzählt die Geschichte menschlich, einfach und deutlich. Gefühle, Charaktere und Situationen werden verständlich und nachvollziehbar gemacht. Die gattungstypische Verschwurbeltheit der Personenkonstellation und der sexuellen Zuordnungen und Ambivalenzen klärt sich sehr bald auf zu einer im Grunde sehr einfachen Geschichte: Wer liebt, wer zu seiner Menschlichkeit steht, wer ein Gegenreich der Schönheit bewahren will, der kommt an die Kasse, der wird erniedrigt, getilgt und tabuisiert. Wo immer die zwei Welten mit ihren inkompatiblen Moralvorstellungen und Verklemmtheitsgraden, nämlich das heldische Kriegertum und der postheroische Hedonismus aufeinanderprallen, macht sich Ratlosigkeit breit. Das Spannende ist, dass der Zusammenprall zumeist im einzelnen Individuum selber stattfindet. Spätestens nach Alcinas grossem Zusammenbruch in der Mitte des Stückes ist der weitere Verlauf klar. Es folgt ein hartnäckiges, facettenreiches und gnadenlos in die Tiefe lotendes Durchdeklinieren der Gemütslagen im Umfeld von Eifersucht, Verlassenheit, Hassliebe, Rache und Verzweiflung. Das erinnert einen an Proust spätestens ab der „Prisonière“, wo auf Hunderten von Seiten Verlassenheitsphantasien gewälzt werden.

Schlussfragen

Immer wieder wird auch eine Situation, eine Assoziation, ein versteckter Bezug, ein Arieninhalt durch ein tableau vivant, eine Pantomine oder kurze Szene verdeutlicht. Hier dürfen auch die wunderschönen Lichtspiele erwähnt werden, die im Zusammenspiel mit Kubus und Spiegelkabinett nie auf den blossen Effekt, sondern immer auch auf Ausleuchtung des Inhaltes zielen. Philipp Fürhofer hat die Bühne gebaut. Gabriele Jaenecke hat die schlichten aber präzisen Gewänder entworfen, die auch jedes auf seine Art ganz leise verschiedene Spielarten des Erotischen andeuten, auch vom Zeitgeist gerade tabuisierte. David Hedinger hat die Lichtwirkungen erdacht.

Am Ende, nach einer langen Folge immer resignierterer Arien, steht bei Händel und seinem Textdichter das „lieto fine“, das heitere Ende. Dieses wird nun von der Regisseurin gründlich gegen den Strich gebürstet. Diese Volte kommt nicht unerwartet, ist auch in der Inszenierungsgeschichte der „Alcina“ nicht neu und hat zudem das Argument auf ihrer Seite, dass wir einen Abend lang Zeugen der Demütigung und Verzweiflung der Identifikationsfigur gewesen sind, worauf wir dann nur ungern mit den Peinigern feiern möchten. Händel hat das offensichtlich gewusst. Nadja Loschky findet eine originelle Lösung, von der her sich das ganze Geschehen, das Bühnenbild, das Herz, das Licht in Alcinas Reich, noch einmal deutlicher erschliessen. Der zum kriegerischen Heldentum zurückbekehrte Krieger Ruggiero läuft mitten aus seiner spiessigen Hochzeit mit der zahnhaarigen Bradamante davon und wendet sich zurück zu Alcina. Schon zuvor hatte die Regisseurin das Terzett des Helden und seiner zwei Frauen nicht als flache Beschimpfung der entzauberten Zauberin, sondern als fatale ménage à trois gelesen. Ruggiero behändigt das Herz, das Alcinas Reich durchpulst, und wir ahnen nun, dass es sein Herz ist. Da aber wird die Welt aschgrau. Das Herz selber, aus dem Zentrum des Geschehens gerissen, wird zum ekligen, abscheulichen Klumpen Fleisch, einer grausigen Ritualtrophäe aus einer archaischen Kriegerwelt, die sich auch nicht wieder dorthin einpassen lässt, wo sie einst für Leben sorgte. Das heitere Ende wird ins Gegenteil verkehrt. Die angeblich von Tieren in Menschen zurückverwandelten Bewohner von Alcinas Reich fragen sich ratlos, ob sie denn nun frei seien. Vielleicht sind sie es; aber da schlägt nichts mehr. Mit der gelösten Jubelmusik, die dazu erklingt, ist auch dieser Schluss mit seiner unheimlichen Widersprüchlichkeit um Welten entfernt vom Kitsch à la Susanna Tamaro.

Sangestrunken

Vom darstellerischen, optischen, gedanklichen Gelingen wurde erzählt. Vom musikalischen und insbesondere sängerischen darf noch berichtet werden. Es gibt in dieser Produktion keine einzige Sänger-Darstellerin, die gegenüber den anderen und dem insgesamt sehr hohen Niveau abfällt. Die kleinere Rolle einer gewissen Oberto, die übrigens im Bärenkostüm einen märchenhaften Akzent in dieser „Zauberoper“ setzen darf, wird von Simone Stock sehr passend mit rührender, kleiner, kindlicher Stimme gesungen. Carlo Jung-Heyk Choals Oronte setzt seinen klangschönen Tenor expressiv und wandlungsfähig ein. Szymon Chojnaki als Melisso setzt mit seinem warmen, lyrischen Bass einen Kontrapunkt zu den fünf Frauenstimmen. Dana Marbach gibt Morgana, die frivole und gefährliche kleine Schwester der Alcina mit einem sehr bewusst eingesetzten Vibrato und vogelheller Stimme. Carolyn Dobbin als Bradamante agiert schnell und absolut rein in ihren rasenden Koloraturen. Marie-Louise Dressen hat die Kastratenpartie des Helden Ruggiero übernommen. Sie singt sie im Grunde unheldisch, lyrisch, wie es zu der gebrochenen Figur passt. Und doch bedauert man spätestens bei der Arie vom wütenden Tiger wieder einmal, dass keine Kastraten mehr hergestellt werden. Das Tolle ist, dass alle diese Leute zum Ensemble des hiesigen Theaters gehören. Für die Titelrolle wurde die Sopranistin Jutta Maria Böhnert nach Luzern verpflichtet, nachdem sie bereits 2005 hier in „Rigoletto“ gefeiert wurde. Sie verfügt über eine dunkle, tief unten von Trauer und Verletzung erzählende Stimme. Dabei kann sie vom zartesten Pianissimo ins wilde, wütende Schmettern mühe- und übergangslos wechseln und weiss lange Bögen zu bauen, wie es nur grossen Sängerinnen gegeben ist. Ihr „O, mio cor“, das aus der Unhörbarkeit erwächst, ist etwas vom Erschütterndsten, was an diesem Haus je zu hören war. Ja, Händel hat gewiss seinen Anteil daran. Frau Böhnert singt nicht nur, sie spielt auch hervorragend diese zerrissene Frau. Der Abend geriet schlussendlich zu ihrem Triumph. Dirigent Howard Arman wählt wie stets einen eher lyrischen Ansatz mit tendenziell zurückhaltenden Tempi. Die Musik behält aber trotzdem einen gewissen Biss dank der völlig vibratolosen Streicher und des engagierten, knackigen und präzisen Spiels des Luzerner Sinfonieorchesters. Es resultiert eine karge, sensible Expressivität.

Unverständlich ist, dass es der Direktion nicht gelungen ist, das Haus für so eine Premiere restlos vollzubekommen. Das Publikum dankte mit Jubel.

 

Georg Friedrich Händel: Alcina

Musikalische Leitung: Howard Arman

Inszenierung: Nadja Loschky

Vorstellungen: 17., 19., 25., 31. Januar, 9., 19. März, 19. April 2014

Kategorie: Bühne | Tags: , , , , Kommentar »

 

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