Ohne Weichzeichner

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Antigone_0710Luzerner Theater, 13. 12. 2014: Wojtek Klemm zum Zweiten: Nach «Der Besuch der alten Dame» inszeniert der Pole «Antigone» am Theater an der Reuss. Dies tut er einen Dreh politischer als bei der «Tragischen Komödie» von Dürrenmatt.

Von Aurel Jörg (Fotos: Tanja Dorendorf)

Klemm bedient sich bei seiner Inszenierung der politischen Reizfiguren der Stunde: Menschen, die um Asyl ersuchen. Im Programmheft ist ein Zeitungsbericht über Rayonverbote, die exklusiv für Asylsuchende erlassen wurden, abgedruckt. In trauriger Erinnerung ist das unsägliche Verbot, das die Gemeinde Bremgarten (AG) erliess: Asylbewerbern war der Zutritt zur örtlichen «Badi» nicht gestattet. Auf der Bühne sieht man diese Menschen – die um Asyl Ersuchenden – leibhaftig. Sie sind die ersten, die Präsenz auf der Bühne markieren. Auch hier bleiben sie Ausgeschlossene, Steigbügelhalter, um die Geschichte zu erzählen: Gestern war es die Tragödie «Antigone», morgen wird es eine «Tragödie» sein, die sich im Mittelmeer oder sonst wo zuträgt … Randnotizen auch hier.

Klemm verwendet in seiner Inszenierung die Ausgegrenzten als Mittel zum Zweck: Die neun Menschen werden auf ihr Fremdsein reduziert. Ihre Rolle fällt mit ihrer Person zusammen. So sieht sich das Innerschweizer Publikum berührt – vielleicht gar peinlich betroffen –, wenn die Individuen ihre Namen, den Zuschauern zugewandt, nennen. Indessen sind sie da und gleichsam doch nicht: Mal werden sie von den eigentlichen Schauspielern ignoriert oder dann genervt weggescheucht. Die Bühne (Mascha Mazur) zwingt sie hinter einen hochgezogenen Zaun: ausgeschlossene Zuschauer.

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Und was die Zuschauer zu sehen bekommen, ist ein Kreon als Grosskapitalist (glänzend von Jörg Dathe gespielt), der sich gewohnt ist, nicht nur bei der Musik (Dominik Strycharski) den Takt anzugeben. Eine Schauspielerriege, angeführt von einer hervorragenden Juliane Lang als Antigone, die in ihrer Exaltiertheit einen inneren Druck zur Geltung bringt. Einen Druck, dem Antigone bekanntlich nachgibt: Sie fügt sich den Weisungen Kreons nicht; sie lässt ihr Gewissen sprechen und begräbt ihren Bruder.

Wojtek Klemm inszeniert am Luzerner Theater einen Abend, der in einer politischen Kampfrede Haimons (Hans-Caspar Gattiker) gipfelt. Der wirkliche Abgrund – so scheint Klemm nahezulegen – ist nicht bei Kreon zu finden. Vielmehr ist es dessen Sohn Haimon, ein egoistisches, gewissenloses und auf Effizienz getrimmtes Arschloch. Klemm arbeitet wie bei seiner letzten Produktion für das Luzerner Theater mit grobem Besteck: Es wäre den politischen Aussagen zuträglich, wenn die Geräuschkulisse und der Klamauk zur nächsten Produktion hin etwas weicher gezeichnet würden. – Wie es den Flüchtlingen, den Menschen, die Asyl suchen, weiter ergehen wird, ist wohl nirgends zu vernehmen. Jedenfalls waren die Behörden vor der Aufführung besorgt, dass die Asylbewerber das amtliche Arbeitsverbot nicht umgehen und also an möglichst wenigen Proben teilnehmen. Gesetze sind schliesslich Gesetze.

Restliche Vorstellungen: DI 16. Dezember bis SO 1. März 2015, Luzerner Theater.

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