Variationen über das Thema «Komödie»

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Luzerner Theater, 27.4.2014: Das Luzerner Theater gibt die Opera buffa «Don Pasquale» von Gaetano Donizetti. Der Abend ist als Auslegeordnung dessen angelegt, was «Komödie» einmal war und eventuell noch sein kann. Das Tempo wechselt, der Witz trifft mal da- mal dorthin.

Von Peter Bitterli

Da sieht man doch, was ein wacher Dirigent vermag. Das Luzerner Sinfonieorchester unter Michael Wendeberg präsentiert sich in Bestform, spielt spritzig, federnd, wendig und farbig. So macht Donizettis von Sentimentalitäten nicht freie Musik Spass; der Schwung aus dem Orchestergraben trägt massgeblich das Geschehen. Auch gesungen wird sehr beachtlich. Flurin Caduff in der Titelrolle setzt seinen dunklen Bassbariton mal voll strömend, mal in plapperndem Parlando ein und wird so schon mal stimmlich seiner Rolle voll gerecht. Gleiches gilt für Dana Marbach als einzige weibliche Solistin in der Doppelrolle der Norina/Sofronia. Sie ist die Kecke ebenso wie die Schüchterne oder Listige, bewältigt mühelos Koloraturen und Kantilenen und das schnelle Geplauder und Gekeife. Hier wird ganz gross aufgesungen und aufgespielt. Die übrigen drei Solisten mit ihren teils sehr kleinen Rollen halten durchaus mit.

Spiel mit dem Schmierentheater

Viel erwartete man nach den Luzerner Produktionen «Satyricon» und «Le Toréador» von Regisseur Johannes Pölzgutter. Ihm ist auch schon gelungen, aus reichlich albernen Vorlagen durch Ironisierung und durch das gleichzeitige Spiel auf parallelen Ebenen und Metaebenen vergnügliche Abende zu gestalten, an denen sich niemand unter seinem Niveau unterhalten zu brauchen fühlte.

In diesem Geiste beginnt denn auch dieser «Don Pasquale». Schon während der Ouverture gibt es ein stummes Spiel, das so sehr ans Provinztheater, an tradierten Schwank und Klamauk angelehnt ist, dass es zum bewussten Spiel mit Schwank und Klamauk wird. Die während der Ouverture pantomimisch agierenden, später dann auch singenden Protagonisten gewinnen streckenweise in ihrer überhempelten Blödheit eine Absurdität, die sie über das Schmierentheater hinaus in die Regionen eines Anton Tschechov oder Adrian Marthaler hinüberhebt. Wir sehen natürlich fliessendes Spiel, angereichert durch kleine Einfälle, Nebenhandlungen, Gesten. Und das alles ist auf das Genaueste mit der Musik synchronisiert oder eben just gegen die Musik gebürstet und versprüht auf beide Arten cleveren Witz. Es ist streckenweise wirklich lustig. Pölzgutter kann das. Keine Figur kippt zunächst in die platte Charge, so nahe bei dieser sie angelegt ist, da eben mit den tradierten Rollenklischees spielerisch umgegangen wird. Auch schnulziges Rampensingen wird da parodiert und zum Beispiel durch eine agile Gegenfigur konterkariert. Es gibt das ebenso schmierige wie beliebte Fraternisieren mit dem Publikum. Gespielt wird auch mit dem Image der Sänger-Darsteller hinter den Rollen und den damit verbundenen Erwartungshaltungen des Publikums. Unbestreitbar bewusst arbeitet die Regie mit der Anziehungskraft der Sopranistin Dana Marbach, die am Luzerner Theater seit geraumer Zeit für den Sex-Appeal zuständig ist. Und bevor jetzt die Gender-Anhängerinnen aufheulen: So war es ja auch schon mit der Figur etwa der Colombina in der alten «Commedia dell’arte», auf welche Pölzgutters Arbeit im weiteren Verlauf mehr und mehr referiert.

Inszenierte Theatergeschichte

Das war also witzig angedacht und startete fulminant. Leider aber begann die Handlung schon bald einmal durststreckenweise arg durchzuhängen. Die Figurenzeichnung umschiffte die Klippe des Knallchargentums, in deren unmittelbarer Nähe aufzufahren sie sich entschlossen hatte, im Verlaufe des Abends immer weniger und geriet ins Fahrwasser plumper Karikatur. Zunehmend wurde kindisch chargiert und grob überzeichnet, bis schliesslich klar wurde, dass dieses Abgleiten ins Plumpe nicht einfach einer wachsenden Ideenarmut geschuldet ist. Das Spiel, das in Kostümen und Körperhaltungen zunächst in einem Italien des früheren 19. Jahrhunderts, also in der Entstehungszeit des «Don Pasquale», angesiedelt war, wurde durch Umkostümierungen und den Einbezug von Masken allmählich in die klassische «Commedia dell’arte» übergeführt, und schlussendlich standen Pantalone, Colombina, Pagliaccio und der Dottore, also die bekannten Masken früherer Jahrhunderte auf der Bühne. Da war es denn plötzlich auch möglich, den Advokaten schlicht als hysterisches Huhn zu zeichnen. Ok, verstanden. Aber wieso eigentlich? Sicher, auch der «Don Pasquale» kommt von der alten Commedia her. Aber der bemühte Stilwechsel wirkte alles andere als zwingend, eher so, als hätte ihn ein Musikdramaturg angekrampft, der zum Beispiel dann auch gerne eitle, und sterbenslangweilige musikhistorische Seminararbeiten in Programmheften veröffentlichen würde, wo der Zuschauer legitimerweise eine bunte Palette an Kurzinformationen, Materialien und Sichtweisen erwarten dürfte. Das klug-gekünstelte Spiel mit Stilebenen und Traditionsbezügen macht ja den Abend weder schneller noch witziger, was das einzige ist, womit derart miefig gewordene Handlungen noch zu retten sind. Es gibt Gründe, warum ausser an Provinztheatern selbst in Italien niemand mehr eine Commedia dell’arte als grobes Strassentheater aufführt, und wenn doch, dann mit einer obszönen Deftigkeit, die dem Luzerner Stilzitat vollkommen abgeht. Das Einschwenken in vermeintlich gesicherte, «klassische» Komödienpfade erlaubt der Regie lediglich eine noch zunehmende Unentschlossenheit und Ungenauigkeit in der Charakterzeichnung. Schliesslich bleiben überhaupt nur noch die eingeschliffenen Gesten und Gänge der Commedia übrig, zuletzt bewusst so klischiert, dass nur noch vor hellem Hintergrund die bekannten Posen gezeichneter Komödien-Figuren als schwarz-weisse Scherenschnitte zelebriert werden. Das ist inszenierte Theatergeschichte statt sinnvoller Verlebendigung. Sollte damit gemeint sein, dass eben alles menschliche Tun und Treiben sich immer wieder auf klassische Muster zurückführen lässt, so wäre die Schlussfolge in verkehrter Richtung durchlaufen worden. Man hätte dann beim toten Modell zu beginnen und dieses uns heutigen Zuschauern nahezubringen.

The Lady is a vamp and tramp

Bis zuletzt aber ist jede Bewegung, Geste, Interaktion, jeder Gang und jeder Sprung auf das allergenaueste mit der Musik, mit deren Tempo, deren Akzenten und deren Charakter synchronisiert. Das ist sehr sensibel gemacht. Vielleicht könnte man die Produktion einfach als Choreografie lesen. Und noch einmal Flurin Caduff und seine Verkörperung der Titelrolle: Er trägt mit ungeheurer Präsenz und Lust über vieles sonst eventuell Peinliche oder Langweilige hinweg. Dana Marbach ist eine genauso spritzig talentierte Sänger-Darstellerin. Sie wechselt fliegend von der verschämten Klosterschülerin zum umschwärmten Vamp, vom süssen Abziehbild der klassischen Colombina zur Kampflesbe im – ja! – Charlie-Chaplin-Outfit. The Lady is a tramp. Auch wenn zeitgeistiges Gender-Gewäsch natürlich nervt: geschenkt!

 

Musikalische Leitung: Michael Wendeberg

Inszenierung: Johannes Pölzgutter

Bühnenbild: Werner Hutterli

Kostüme: Anna Ardelius

Licht: Peter Weiss

Choreinstudierung: Mark Daver

Dramaturgie: Dr. Christian Kipper

SpielerInnen: Todd Boyce, Flurin Caduff, Szymon Chojnacki,Utku Kuzuluk, Dana Marbach,Peter Wigger

Vorstellungen: MI 30.4., MI 07.5. (geschlossene Vorstellung), SA 10.5., DO 22.5. (jeweils 19:30 Uhr); SO 25.5. (13:30 Uhr); SO 01.6., SA 07.6. (jeweils 20:00 Uhr); MO 09.06. (17:00 Uhr), FR 13.6. (19:30 Uhr).

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