Unpädagogisch Altern

FacebookTwitterGoogle+

Geister_Header

 

 

 

Luzerner Theater, 12.05.2015: «Geister sind auch nur Menschen». Ein starkes Stück von Katja Brunner über das Alt und älter werden, über das Vergessen sein und werden. Spannend für alle, ja fast: Wichtig für alle.

von Noemi Wyrsch

Ich schaue mir das Stück mit 100 weiteren Studierenden der Pädagogischen Hochschule Luzern an: Fach Deutsch, sechstes Semester, «damit ihr alle mal ein Theater gesehen habt.» In Anführungszeichen also fortan der O-Ton der selbsternannten Pädagogen.

Nein Danke, das hab ich mir anders vorgestellt

Ein Stück in einem Altersheim über die Insassen, geschrieben von einer 24-jährigen. Kann das gutgehen?

Die Bühne, mit Holz verkleidet, ein paar Leitern und Betten, die Kostüme: Alles in den Farben der Pensionäre gehalten: Gelb, grau, weiss. Triste Sache. Dann kommen die Schauspieler, wilde Bewegungen, wilde Sprache. Mit dem Text von Brunner wird alles gemacht: Er wird gesprochen, projiziert, abgespielt, vorgelesen.

Die Sprachgewalt wird weder gescheut, noch gedämpft, sie wird belassen und unaufdringlich in allen Möglichkeiten ausprobiert. Die Alten kommen, sogenannte Statisten. Doch eigentlich waren sie doch eher Protagonisten. Jung geblieben, ihr Spiel war überzeugend, stark, eindrücklich. Selbst als die ersten Pädagogen durch die Türe herausschleichen und den Spielern in den Weg kommen, bleiben sie gelassen, spielen weiter.

Denn jetzt geht’s an die Hygiene. Putzen, waschen, Zähne säubern. In aller Ausführlichkeit, die eine sorgfältige Pflege verlangt.

 

«Ej, geht das jetzt nicht zu lange?»

«Doch, maassssivvv zu lange.»

 

Wir sind nicht gut im Aushalten der Langsamkeit, der Wut, des Vergessen-werdens. Wir, die Jungen, die Action haben wollen und bekommen, die ja wohl niiieeemals davon betroffen sein werden, wir wollen nicht da sitzen, und das anschauen müssen. Toll, wie man gezwungen werden kann. Guter Job, liebes Theater, gut gemacht, liebe Deutsche Fachschaft der Pädagogischen Hochschule Luzern.

Denn – es kann ja niemand fliehen.

 

«Even Goethe would have cried.»

 

If you leave me now

Das Stück hat eine ebenso zärtliche wie brutale Seite. Wenn da ein Manndli steht, und zögerlich «If you leave me now» singt, ein Mädchen mit dem Rollstuhl zärtliche Runden dreht und zu schweben scheint, dann sind wir berührt.

Wenn dann geschrien wird, vom Rollstuhl aus, die ganze Wut und Verzweiflung und Angst heraus gepresst wird – Halt mal den Mund! – dann sind wir erdrückt. Wir können wenigstens noch mal richtig mit der Faust auf den Tisch oder sonstwohin hauen – und uns wird zugehört, wir gelten als zurechnungsfähig. Wenn einem dies abgesprochen wird, was passiert dann? Es werden viele verschiedene Aspekte thematisiert, manchmal verliert man den Faden: Einsamkeit, Lustlosigkeit, Lust, Kinder und Enkel, das Pflegepersonal, Ich möchte bitte gegangen sein dürfen, der Tod und das Leben, und das Etwas dazwischen.

 

«Ja aber, also hast du da was gesehen, das du nicht schon selbst gedacht hast?»

«Nein. Aber ich musste es noch nie so aushalten.»

 

Die Inszenierung von Heike M. Goetze ist genauso beachtlich wie der Text von Katja Brunner. Mit der Musik von Malte Preuss passt alles wie die Faust aufs Auge. Oder in den Magen. So fühlt sich’s manchmal an. Es ist ein Gesamtwerk, eine Symphonie, die manchmal kreischt und unstimmig ist. Genau wie das Älterwerden. Und manchmal ganz zärtlich ist, wie der Trost, den man sich immer wünschen wird.

 

«Dann hat’s euch auch gefallen? Mir hat’s gefallen, überraschenderweise. Ich war ja noch nie im Theater. Hätt nicht gedacht, dass mir so was gefallen könnte.»

 

Weitere Aufführungen im Luzerner Theater: 14.05, 15.05, 21.05, 02.06, 07.06 2015

Kategorie: Bühne | Tags: , , , Kommentar »

 

Kommentar schreiben



Hallo *

Nach oben