Wer Wind sät…

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OnkelWanja_0899  Luzerner Theater, Donnerstag, 10.12.2015: Onkel Wanja, ein Schauspiel von Anton Tschechow, inszeniert von Ueli Jäggi. Die Schauspieler sind grandios, das Thema schwer, das Bühnenbild stimmig. Ein Abend, bei welchem die Menschlichkeit zwischen Abgrund und Hoffnung stattfindet.

Von Noemi Wyrsch

Ohne Worte

Das Stück beginnt so ruhig, so gemächlich, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen habe. Nach und nach treten Figuren auf und in ihrer kurzen Zeit auf der Bühne werden schon tiefe Einblicke in die Figuren gewährleistet. Ohne Worte. Es ist ein solch mutiger Anfang. Und wie immer: Einige vom Publikum verpassen es, weil sie rumflüstern. Sie verpassen liebevollste Details, genaueste Figurenarbeit, erste Einblicke in Hierarchie und Status. Ohne Worte. Gefühlte zehn Minuten werden damit zugebracht, das Publikum ganz langsam an die Szenerie heranzuführen. Meiner Meinung nach: grossartig.

Das Landleben – wo Zweifel gesät werden

LUZERNER THEATER ONKEL WANJA Schauspiel von Anton Tschechow Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva Premiere am 10. Dezember 2015 im Luzerner Theater, grosses Haus PRODUKTIONSTEAM Ueli Jäggi - Inszenierung Werner Hutterli - Bühne Gerti Rindler- Schantl - Kostüme Martin Schütz - Musik David Hedinger - Licht Carolin Losch, Malte Ubenauf - Dramaturgie BESETZUNG Christian Baus - Michail Lwowitsch Astrow Matthias Bernhold - Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Wanja) Jörg Dathe - Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow, Hans-Caspar Gattiker - Ilja Iljitsch Telegin Wiebke Kayser - Maria Wassiljewna Wojnizkaja Varia Linnéa Sjöström - Elena Andrejewna Miriam Strübe -l Sofja Alexandrowna

Onkel Wanja lebt mit seiner Mutter, seiner Nichte und einer alten Kinderfrau auf dem Hof. Mit zur Hand geht auch der ehemalige Besitzer desselben. Zu Besuch kommt der Arzt. Sie arbeiten hart, bezahlen Schulden ab und schicken das Geld dem studierten Professor – daraus gewinnen sie an Status, einen Lebenssinn und Stolz. Stolz auf die Arbeiten des Professors, auf sein Wissen, auf seine Gelehrtheit. Bis ebendieser beschliesst, auf den Hof zu ziehen, da das Stadtleben zu teuer wird.

Nun wird der Gelehrte zum Menschen, die Illusion zum Körperlichen, und daran scheitern alle. Er ist nicht gelehrt, er ist tyrannisch, er weiss doch nichts. Die Tagesstrukturen fallen zusammen und Herzen der jungen Ehefrau zu. So vieles gerät durcheinander, weil alte Illusionen nicht mehr standhalten, neue Möglichkeiten sich eröffnen (Die junge Ehefrau ist sehr verführerisch) und die ungewisse Zukunft Ängste birgt. Man bezweifelt, wofür man bisher gelebt hat. Die Nichte verliebt sich in den Arzt, der Arzt in die junge Ehefrau. Diese aber eher in die Möglichkeit der Freizügigkeit. Und Wanja, auch der möchte der jungen Ehefrau ein anderes Leben bieten. Er macht sein ganzes Glück von diesem Wunsch abhängig.

Eine tragische Komödie

OnkelWanja_1074Das Stück lädt oft zum Lachen und Schmunzeln ein, obwohl darunter immer etwas schrecklich tragisches lauert. Es ist ein präzises Bild vom Menschen, der zwischen Ängsten und Zukunftshoffnungen schwankt. Dass das Publikum dies so wahrnehmen kann, liegt einerseits an der Inszenierung von Ueli Jäggi. Er schafft es, diese beiden Extreme zu kombinieren, ohne dass es reisserisch oder platt wirkt. Ein schmaler Grat, feinfühlig und sicher begangen. Aber auch die herausragende Leistung aller Schauspieler machte diesen Weg in die Abgründe menschlicher Existenzen spannend und berührend. Die Figuren waren genau so wenig überzeichnet, dass sie die Komödie möglich machen, aber das Traurige nicht verunmöglichten. Die Labilität des Wanjas, gespielt von Matthias Bernhold, kam genauso zur Geltung, wie die verführerische Macht der jungen Ehefrau (gespielt von Varia Linnéa Sjöström). Jörg Dathe gab den selbstverliebten und unreflektierten Professor stimmgewaltig, raumeinnehmend und gekonnt, ich hätte ihn nie in mein Haus gelassen. Hans-Caspar Gattiker begeisterte mich wie immer. Er hatte wohl die schwierigste Rolle, da sie oft im Hintergrund stattfand und am stärksten überzeichnet war. Und da wir schon so weit sind, auch Miram Strübel (Nichte) und Wiebke Kayser (Mutter) überzeugten auf der ganzen Linie. Wirklich, die Schauspieler gehören für diese Produktion gefeiert.

Wo wenig mehr ist

LUZERNER THEATER ONKEL WANJA Schauspiel von Anton Tschechow Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva Premiere am 10. Dezember 2015 im Luzerner Theater, grosses Haus PRODUKTIONSTEAM Ueli Jäggi - Inszenierung Werner Hutterli - Bühne Gerti Rindler- Schantl - Kostüme Martin Schütz - Musik David Hedinger - Licht Carolin Losch, Malte Ubenauf - Dramaturgie BESETZUNG Christian Baus - Michail Lwowitsch Astrow Matthias Bernhold - Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Wanja) Jörg Dathe - Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow, Hans-Caspar Gattiker - Ilja Iljitsch Telegin Wiebke Kayser - Maria Wassiljewna Wojnizkaja Varia Linnéa Sjöström - Elena Andrejewna Miriam Strübe -l Sofja Alexandrowna

Das Bühnenbild (Werner Hutterli) ist für diese Inszenierung elementar. Es ist, ausser als die Fassade zusammenbricht, auf das Nötigste beschränkt. Und trotzdem werden durch Möbel, eine verschieb und faltbare Wand, so wie geschickt eingesetztes Licht (David Hedinger) Stimmungsbilder erzeugt, welche die Geschichte tragen, unterstützen und verstärken. Dass mir zu der Musik (Martin Schütz) jetzt sehr wenig in den Sinn kommt, lässt Raum für Interpretationen offen, ich biete zwei an: 1. Mir fehlt ein wenig das Musikgehör, die Sensibilität dafür. 2. Die Musik wurde selten, meist im Hintergrund, eingesetzt.

Nun habe ich knapp eine Seite Lobhudelei hinter mir, und frage mich, ob das so stimmig ist. Ich denke schon. Gesamthaft hat mich das Stück begeistert, es hat mir auf wahnsinnig vielen Ebenen gefallen, die Arbeit war ganz klar durchdacht, genau und rund. Das Thema ist und bleibt ein schweres, und auch gerade deswegen ein menschliches, das wir halt mal mehr, mal weniger ertragen. Gegen Ende hin weniger, zugegeben.

Weitere Aufführungen: 18.12., 20.12., 27.12. 2015, 03.01., 07.01., 10.01., 13.01., 14.01., 22.01., 24.01., 29.01., 20.01., 06.02., 07.02., 26.02., 03.03. 2016

 

 

 

Kategorie: Bühne | Tags: , , , Ein Kommentar »

 

Ein Kommentar zu “Wer Wind sät…”

  1. Gisela Widmer

    Genau so, wie in dieser Kritik beschrieben, ist’s. Hingehen!


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